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Timur Kara, Frankfurt am Main

SÜNDE: Menschlichkeit optimistisch veranschaulicht

 

„Gott! Gott! – Ist es, zum Unglücke mancher, nicht genug, dass Fürsten Menschen sind: müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?“ Dieses Zitat aus Lessings „Emilia Galotti“ enthält eine Frage nach dem Sinn und Zweck des Bösen. Doch es enthält auch noch andere Fragen, wie die Frage nach der Existenz Gottes, und weshalb dieser die Präsenz des Bösen und des Übels gestattet. Diese Fragen finden sich auch Wayand’s Werk SÜNDE. Die Antwort darauf ist philosophisch-theologisch begründet und wird durch die Handlungen, die vermittels des Mediums Theater sehr gut dargestellt werden können, veranschaulicht.


Der Mensch unterliegt seinem Selbsterhaltungstrieb. Der Egoismus, als ein Naturbestand des Menschen, ist als solches weiter nichts als ein Teil dieses Triebes. Aus diesem Grund entsteht die Problematik des Zusammenlebens, da die sprichwörtliche Tatsache, dass jeder Mensch sich selbst der Nächste ist, eine scheinbar völlige Gültigkeit besitzt. Doch wenn vom Selbsterhaltungstrieb die Rede ist, handelt es sich dabei meist lediglich um den irdischen Selbsterhaltungstrieb.


Die Religion bietet den Menschen jedoch eine geistige und seelische Weite und deckt ein Bedürfnis nach dieser ab. Das Seelenheil ist dementsprechend nichts weiter als der überirdische Selbsterhaltungstrieb, der stärker ausgeprägt ist, als der Irdische.
Aus diesem Grund gibt es Sünden. Sie instrumentalisieren diesen überirdischen Selbsterhaltungstrieb, schränken des Menschen egoistische Handlung ein, schaffen kollektive Ängste und erreichen ein disziplinierteres Leben des Menschen unter den Menschen. So sieht es aus oder sollte es zumindest aussehen.


Die Wahrheit jedoch zeigt ein anderes Gesicht und eine andere Praxis. In Wayand‘s SÜNDE wird genau dieses Praktizieren der egoistischen Handlungen und der damit verbundene Umgang von dem heutigen lebenden Menschen des 21.Jahrhunderts gezeigt. Einige dieser Handlungen, die das Verdikt Sünde verdient hätten, werden dabei ohne Schamgefühl von den in dem Schauspiel enthaltenen Charakteren ausgeführt, ganz so, wie es die heute lebenden Menschen tun. Dies ist eine Tatsache, die jedoch vom Autor nicht kritisiert wird, da dieser von der Unzulänglichkeit des Menschen ausgeht und dessen Fehler, die jeder Mensch hat, akzeptiert und hinnimmt.

 

Es ist jedoch diese Fehlbarkeit des Menschen, die es dem Scheitan, dem gefallenen abtrünnigen Erzengel, dem Teufel, ermöglicht, Hass und Neid zu schüren, welche zum Tod der dämonischen Figur Lucia Ferres führen. Der Mensch erschafft sich durch seine negativen Eigenschaften eine Hölle auf Erden, mitten unter sich und ernährt somit das Böse, dessen Metapher der Teufel ist. Ist es in dieser selbsterschafften Hölle dann nicht verwunderlich, dass gerade eine harmlos erscheinende Person - ob nur Bekannte oder sogar Freund - sich als wahrer Teufel entpuppt? In SÜNDE ist es Esther, die dorfbekannte Friseurin, bei Lessing ist es der Marchese Marinelli, der die Intrige aufbaut und diese zusammen mit den fehlgeleiteten menschlichen Handlungen bedingt durch niedere Triebe, am Leben erhält.


Doch als der Teufel erkannt wird, ist es bereits zu spät, da die Intrige längst ihr Ziel erreicht hat oder darüber hinaus gegangen ist und so zur Katastrophe geführt hat. Die weltliche weil menschliche Exekutive, die ebenfalls den Selbsterhaltungstrieben unterliegt, versagt und ist aufgrund der bereits mehrfach erwähnten fehlbaren Eigenschaften der Menschlichkeit nicht in der Lage den teuflischen Mächten, dem Hass und Neid, entgegenzutreten. So ist es zumindest in Lessings Werk.


Bei Wayand bekommt die Exekutive des Dorfes, der Bürgermeister Zachäus, der ebenso viele Sünden aufzuweisen hat, wie jeder andere Dorfbewohner, und den teuflischen Mächten insofern weit unterlegen ist, sakrale Hilfe in Form von Jeschua, dem Sohn Gottes. Dieser schafft es dem Teufel und seine Mächte Einhalt zu gebieten und den Menschen mit seinen Fehlern zu rechtfertigen. „Ihre Menschlichkeit ist das Abbild des göttlichen Seins“ (VI, 4, S 141).


So, wie die antiken Götter der polytheistischen Vorstellungswelt der Griechen und Römer von Hass und Neid geprägt und geplagt waren und sich gegenseitig bekriegten und hintergingen, sind auch die Menschen, die als Abbild Gottes in der monotheistischen Anschauung diese Eigenschaften besitzen. Deshalb liebt Gott den Menschen mit seiner Unzulänglichkeit, die vorhanden sein muss, da ohne diese fehlbaren Eigenschaften die Vorstellung Gottes und auch des Teufels nicht existieren würden. Es sind gerade diese Fehler, die diese Vorstellung am Leben erhalten.
Der Hass ernährt nicht nur das Böse, welches, sobald man sich von ihm abwendet, nicht mehr aufrechterhalten werden kann und stirbt, sondern er ernährt auch unser Empfinden des Überirdischen: Gott und das Leben nach dem Tod. Gut und Böse bedingen sich gegenseitig und sind aufeinander angewiesen, da das eine ohne das andere nicht zu existieren vermag.


Der Mensch symbolisiert eine Synthese beider ethischer Sinne, da er in dauerndem Konflikt mit diesen ist. Dieser Konflikt ist grundlegend für die Existenz Gottes, dessen Vorstellung unter den Menschen hervorging, und einige können es als philosophisch-theologischen Fakt seiner Existenz betrachten. Die Motivation die daraus einhergeht, soll den Menschen verbessern. Am Ende wird der gegenwärtige Hass in Form der Figur Lucia Ferres vertilgt, doch das Wahrhaft Böse, der Teufel existiert immer noch.
Es gelingt dem Menschen immer nur, einen Teil des Bösen zu besiegen. Einen vollständigen Sieg wird es aber nie geben, da die Fehlbarkeit des Menschen dies unmöglich macht. Dennoch sollte es das Ziel des Menschen sein seinen Hass loszuwerden. Der Mensch kann sich nur so frei entfalten, wie er sich selbst nicht eingrenzt, darum sollte es stets sein Ziel sein, ein besserer Mensch zu werden.
Der „Große Djihad“, das Bemühen um den Islam, beinhaltet ebenfalls dieses Ziel. Dieses Ziel steht über dem „Kleinen Djihad“, der sich um die Missionierung und Verbreitung dieser Religion bemüht. Der Hass, der nur die Seele vergiftet, ist kein Bestandteil einer Religion. Die Religion ist gewillt, die Seele zu erleuchten, nicht zu vergiften. Die Menschen, die sich durch Hass selbst vergiften, handeln also gegen ihre Religion.

 

Aus diesem Grunde muss man, wie Karl May es so treffend formulierte, „unterscheiden zwischen der Lehre und dem Anhänger, der sich äußerlich zu ihr bekennt, aber nicht nach ihr handelt.“ (Karl May: „Winnetou. Erster Band. Reiseerzählungen von Karl May“. In: „Karl Mays Gesammelte Werke“ Band 7 von 1951. Herausgegeben von Dr. E. A. Schmid)


Die Religion ist ein Wegweiser. Der Mensch muss sich für einen Weg entscheiden, den er mit göttlicher Hilfe zu bestreiten versucht. Ein Mensch, der einen solchen Weg nicht einschlagen will, wird nie wirklich mit den Wechselfällen des Lebens zurechtkommen. „Optimismus“, so Voltaire, „ist der Irrglaube das alles wunderschön sei, wenn es einem Hundsmiserabel geht“ (Candide). Es ist so, dass die Menschen für ihre Problematiken und Sorgen meist den Fehler nicht bei sich, sondern die Verantwortung jenen Mächten überlassen, die schließlich dafür zu sorgen haben, dass ein jeder von uns glücklich wird. Es scheint paradox, doch gerade diejenigen, den es am schlechtesten geht, sind auch diejenigen die eine höhere religiöse Überzeugung vertreten. Oder wie Goethe es mal formulierte: “Wer nie sein Brot mir Tränen aß, wer nie in kummervollen Nächten auf seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte“. Doch es ist, denke ich, plausibel zu erklären, da die Menschen, je mehr Not sie leiden, für jede Hilfe die sie bekommen, dankbarer sind, als diejenigen, die keine Not zu leiden haben, und menschliche Nächstenliebe und Hilfe entsprechend anders wahrnehmen. Weshalb auch diejenigen, der man eine verhältnismäßig größere Gunst erweist, entsprechend dankbarer sind, als diejenigen, bei der die Gunst leichter ausfällt.

 

In SÜNDE leidet keiner der Dorfbewohner an physischen Leiden und sind deswegen nicht in der Lage Nächstenliebe zu erkennen, geschweige denn, sie weiterzugeben, da die Bewohner Nächstenliebe nie wirklich kennengelernt haben. („Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.“ SÜNDE, Zwischenspiel: 33 A.D. LK 7, 47b)

 

So kommt die Erkennung und Wunsch nach Nächstenliebe erst in einer psychologischen und seelischen Notlage zustande, nämlich durch die Erscheinung der Figur Lucia Ferres, die die Bewohner permanent auf ihre Fehler Aufmerksam macht. In dieser Notlage erst erkennen die einzelnen Charaktere und Individuen, wie sehr sie eigentlich auf ihre gegenseitige Liebe angewiesen sind, das sie vor dem Erscheinen der Figur Lucia nicht bemerkt hatten. So ist es beispielsweise bei Giulia und Romano, die nach dem durch Lucia herbeigeführten Streit sich gegenseitig näherkommen, da diese in ihrer emotionalen Krise auf ihre gegenseitige Hilfe dankbar reagieren (SÜNDE 3. Aufzug 12. Auftritt) Erst dadurch sind sie in der Lage ihre Lage zu schätzen. Oder wie Karl May es ausdrückte: „Wer in der Wüste schmachtet, der lernt den Wert des Tropfens schätzen, der dem Dürstenden das Leben rettet. Und wer Leid trägt, ohne daß sich ihm eine Hand helfend entgegenstreckt, der weiß, wie köstlich die Liebe ist, nach der er sich  vergebens sehnte. So ist mein ganzes Herz erfüllt von dem, was ich nicht fand, von jener Liebe, die den Sohn des Vaters auf die Erde trieb, um ihr die Botschaft zu verkünden, daß alle Menschen Brüder sind und Kinder eines Vaters.“ (Karl May: „Durchs Wilde Kurdistan. Reiseerzählungen von Karl May“. In: „Karl Mays Gesammelte Werke“ Band 2 von 1951. Herausgegeben von Dr. E. A. Schmid)


So wie Voltaires Protagonist Candide in „Candid oder die Beste der Welten“ am Ende trotz unglücklicher Situation (unter anderem hässliche und zänkische Ehefrau, kaum Mittel zum Lebensunterhalt und Langeweile) erkennt, dass man immer das positive einer unglücklichen Situation betrachten sollte (Ehefrau ist unausstehlich, kann aber gut kochen!) so sollte man versuchen, immer das positive einer Sache zu sehen. In SÜNDE sind es die Fehler des Menschen, die das Menschsein ausmachen, die optimistisch dargestellt werden, da diese ihren Zweck erfüllen. Denn man sollte nie vergessen: Mensch sein heißt fehlbar sein. Und wenn der werte Leser dieses Textes das nicht verstanden hat … Glückwunsch! Sie sind ein verbesserungsfähiger homo sapiens apiens! (Damit soll nicht ausgeschlossen sein, dass diejenigen Leser, die den Inhalt dieses Textes verstanden haben, keine Menschen sind!)

 

 

Timur Kara, Frankfurt am Main

 

Das Werk "Rosensieg- der Tod Old Shatterhands" ist eine wunderbare Zusammenfassung von Karl May's Thesen. Die Sprichwörter "Je klüger wir werden, umso größer wird der Zweifel", "Je mehr Fragen wir lösen, umso mehr Fragen tauchen auf" und vor allem "Taten sprechen mehr als Worte" geben dabei diese Thesen Mays am besten wieder und stehen im Vordergrund. Vor allem die letzte These scheint mir eine scheinbar universelle Wahrheit zu sein: Die Menschen sprechen zu viel, aber tun zu wenig.

Taten sind es, die wirklich überzeugen. Winnetou wäre niemals zum Schluss ein Christ geworden, wenn er nicht durch die Taten Old Shatterhands überzeugt worden wäre, da er nur über die theologischen Erklärungen zu viel Zweifel gehabt hätte. Old Wabble bekam seinen Fact in Form von Vergebung, was meiner Ansicht nach schon eine Tat darstellt. Dort wo Worte versagten, bekehrte ihn die Tat, so kann man es, denke ich, sagen.

Es gibt Szenen, die einen verwirren könnten, wie zum Beispiel die Sache mit den Realschülern. Dort kommt es zu einem kurzen Dialog, und urplötzlich verabschieden sich die Jugendlichen so mir nichts, dir nichts. Ich denke mir dabei nur, dass der Autor die Adressaten Karl Mays zeigen wollte, nämlich welche Menschen er vor allem mit seinen Werken erreichen konnte.

Dieses Werk ist vor allem für die interessant, die sich mit Karl May beschäftigen wollen, oder sich bereits mit ihm auseinandergesetzt haben. Doch auch für die, die keines von Karl May's Büchern gelesen haben, bietet es Motivation, sich mit seinen Werken auseinanderzusetzen, da man anfängt, nicht nur zu lesen sondern auch zu verstehen.

 

Dietrich Schober, München

 

Dass ich Ihre unermüdliche Schaffenskraft bewundere, habe ich Ihnen bereits mehrfach gesagt. Wie Sie das alles neben Ihrer eigentlichen Tätigkeit bewältigen, ist erstaunlich. Nun haben Sie ein Mammutwerk fabriziert, das man als ganz außergewöhnlich bezeichnen muss. Meine Hochachtung! So etwas kann nur jemand schreiben, der seinen Karl May ganz genau kennt und selber genug Fantasie hat, dies alles neu aufzumischen und in eine andere Form zu giessen. (...) Ich muss vorausschicken, dass ich ein optischer Mensch bin, das heißt, dass nicht das gesprochene Wort, sondern die bewegten Menschen und Fakten mein Bild von der Welt prägen. Ich war früher begeisterter Kinogänger, heute schaue ich mir die Filme im Pantoffelkino an, aber immer noch läuft vor meinen Augen und vor der Seele eine erzählte Geschichte ab. Mit meiner Frau sitze ich oft vor dem Fernseher, wir schauen einen Film an, das geht ein paar Minuten so, dann blicken wir uns an, und aus dem Blicken und leichten Bemerkungen entscheiden wir, ob wir diesen Film bis zum Ende angucken oder abschalten wollen. Mehr als zehn Minuten brauchen wir nicht, um unsere Entscheidung zu fällen. Wenn wir nicht sicher sind, zeichnen wir die Sache auf und ich schaue bei Gelegenheit nach, wie es weitergeht. Das Ende interessiert meistens nicht, auch Tatorte oder andere Krimis üben keinen Reiz auf uns aus, wir meinen, wenn es ein Autor in der ersten Viertelstunde nicht schafft, Interesse zu wecken, ist der Schluss, also der mögliche Übeltäter uninteressant. (...) Ich will damit andeuten, dass ich meine Vorurteile habe, die vielleicht aus meinem Beruf stammen, ich war bekanntlich Tontechniker beim Fernsehen und habe oft genug miterlebt, wie wichtig dem Regisseur das Bild, aber nicht der Ton war. Ich bin mit dem ganzen Metier nicht allzu vertraut. Was man unter Collage im literarischen Sinne versteht, kann ich nur erahnen. Also das ist eine Zusammenmengung von Sprachhappen zu einem meist appetitlichen Konglomerat, die Frage ist dann: Wofür? Wer fürs Theater schreibt, hat seine festen Regeln (so kenne ich das von früher), wer für den Film schreibt, hat dies ebenfalls, nämlich feste Regeln. Moderne Autoren glauben, Neues erfinden zu müssen bzw. können. Aber die Grundregeln kann man nicht neu erfinden, will man denn dem zahlenden Zuschauer eine Art Genuss bereiten. Und für den Zuschauer im Parkett oder in der Loge arbeiten wir doch, nicht wahr? Ein Bücherautor hat es leicht, der Faktor Zeit spielt keine Rolle, man kann das Buch beliebig oft weglesen und an gleicher Stelle weiterlesen, wenn man mag. Der Autor muss nur für genug Spannung sorgen, dass man es auch tut. Ich bin ein schlechter Krimi-Leser, ich springe zu oft auf die letzte Seite, um zu erfahren, wer es denn nun war. Der Theaterbesucher kann das nicht, er kann nur den Saal verlassen. Einen Film kann man aufzeichnen und am nächsten Tag zu Ende angucken, falls man beim ersten Ansehen eingeschlafen ist. (...) Ich habe zu selten eine Beurteilung zu verfassen und muss mich erst einstimmen. Also eine Theatercollage. Es sind mehrere Aufzüge und jeder enthält einige Auftritte. Ich habe mich amüsiert, altbekannte Gestalten wiederzutreffen. Die Textgestaltung ist gekonnt, ich meine, was diese Typen sagen, steht irgendwo im Riesenwerk des Maysters, man muss er nur zusammensetzen. Das passt hervorragend, jeder dieser Auftritte ist rundum gelungen und für sich abgeschlossen ein kleines Stück. Nun fragt sich der Zuschauer, der die Abfolge von diversen Stücklein vorgesetzt bekommt, nach dem tieferen Inhalt. Die wechselnden Horizonte der Collage-Auftritte macht es ihm nicht gerade leicht. Man muss sich wohl den Titel vergegenwärtigen und die Absicht des Autors genau beachten: Es geht um den letzten Tag im Leben des May, an dessem Auge alle Gestalten Revue passieren. Eine dramaturgische Entwicklung scheint nicht vorzuliegen, kein Vom-Gut-zu-Böse oder umgekehrt, direkte Überraschungen sind nicht zu melden. Man soll sich in den Sessel lehnen und Altbekanntes neu aufgemischt zu genießen. Das setzt voraus, dass dem Zuschauer das Altbekannte tatsächlich bekannt ist, wie ja z.B. der Film 'Der Schuh des Manitu' nur für den echten Karl-May-Kenner ein Hochgenuss war. Die Frage ist jetzt: Vor welchem Publikum soll die Collage ablaufen, sind es echte Kenner der Materie oder sollen Unwissende unterhalten werden? Im ersten Fall ist mit gewissem Unwillen zu rechnen, weil man das Stück als Verbalhornung auffassen könnte. Im zweiteren Fall erzeugt man vielleicht Verblüffung und/oder Desinteresse. Ich bin (...) kein Fachmann auf literarischem Gebiet. Wenn ich mir (die) Collage betrachte, denke ich, als Grundlage für einen Film wäre das interessant. Man hat genug Zeit bei der Produktion, die Szenerie nach Regieanweisung aufzubauen, und nach und nach fügt sich dann Stücklein an Stücklein. Da müsste man nichts ändern, das versteht der Zuschauer, die Parallelität verschiedener Handlungen macht Sinn. Ich möchte einflechten, das ich diese Art filmischer Erzählungen überhaupt nicht mag, für mich sind Filme wie 'Die 12 Geschworenen', die also in Echtzeit eine Geschichte erzählen, das höchste der Gefühle. Allerdings eignet sich nicht jeder Stoff für eine solche Behandlung. Eine Dokumentation läuft in längeren Zeitabständen ab, wir sehen dann später das Resumee in Spielfilmlänge. Mir scheint, überall sollte eine tiefere Idee zugrunde liegen, eine dramaturgische Entwicklung sollte zumindest angedeutet sein. Dass viel vom Tod die Rede ist, stört weniger, es gehört schließlich zum Leben von Karl May, das ist sozusagen der jeweilige Schlusspunkt im Schicksal der Figuren. Und nun ist der Mayster dran. Normalerweise schätze ich an erfundenen Geschichten, dass sie gut ausgehen. Deshalb habe ich mir den Film 'Titanic' auch nicht angesehen. Ich gebe zu, dass ich die großen Theaterstücke nicht liebe, wo der Held letztenendes in großer Schuld und Sünde mit Donnerhall und Lichtgeblitze in die Hölle abfährt. Das muss ich nicht sehen, dafür gebe ich kein Eintrittsgeld aus. Wenn schon Tod, dann milde und zartfühlend gestaltet, wie z.B. in 'Ocean eleven', das erinnert den Zuschauer daran, dass wir alle sterblich sind. Ob man so etwas auf der Theaterbühne gerne sieht, weiß ich nicht. (...) Es wäre schade, wenn die viele Arbeit, die in dem Stück steckt, nicht fachgerecht umgesetzt werden würde. Ich wünsche (...) jedenfalls bei der Realisierung ein glückliches Händchen und die richtigen Schauspieler dazu! 



 

Helmut Müller, Vallendar

 

Ich denke, Sie haben selber gemerkt, dass es ein großer Erfolg gewesen ist. Die Schauspieler steigerten sich von Szene zu Szene. Was mich besonders beeindruckt hat, war, dass hier einem Publikum, das sicherlich nicht ausgesprochen christlich gewesen ist, die Essentials des Christentums eindrucksvoll vorgeführt wurden. Wahrscheinlich haben die Schauspieler selbst eine vielleicht nachhaltige Katechese erfahren. Meine Tochter sagte spontan, so etwas müsste einmal für unsere Oberstufe aufgeführt werden. Allerdings hat man gemerkt, dass die Akteure sich warm spielen mussten. Zunächst schien es ziemlich steif zu beginnen. Die Schlussszene geriet dann zum absoluten Gipfel. Einzelne Szenen müsste man vielleicht noch schärfer theologisch durchdenken. Spontan kann ich aber nicht sagen welche. Außer der Szene von der Versuchung Jesu in der Wüste. Die ist allerdings außerordentlich schwer. Wie spielt man da einen Gottmenschen, der einmal in seiner Menschheit versucht wird, aber letztlich dem Satan in seiner Gottheit gebietet? Die Verhöre durch Ruth Richter erschienen zu lange, obwohl mir das beim Lesen des Textes gar nicht so vorkam. Meine Tochter sah das auch so. Die Paradiesesszene war gelungen. Mit Licht kann man doch viel machen. Bei dem Stück wurde mir sehr viel klarer als beim Lesen, dass es insgesamt um ein Ringen zwischen Gut und Böse von Anfang an durch die Zeiten ging, kulminierend im Hier und Jetzt. Summa summarum lieber Herr Wayand, meinen herzlichen Glückwunsch zu dieser großartigen Aufführung.

 

(Anm.: Akad. Oberrat Dr. phil. Helmut Müller ist Moraltheologe an der Universität Koblenz-Landau und derzeit Leiter des Institus für Katholische Theologie an der Uni Koblenz. Er hat eine ausführliche Rezension zum Stück geschrieben, die Sie hier finden können. Eine überarbeitete Version der Rezension wird in der nächsten Ausgabe des Eulenfisch erscheinen.)

 

 

Timur Kara, Frankfurt am Main

 

Die Inszenierung vom 5. Mai 2012 war wirklich bravourös und brillant. Bis jetzt war ich in drei Theateraufführungen: zweimal im Staatstheater Wiesbaden, mit "Herr Puntila und sein Knecht Matti" und "Macbeth" und das dritte Mal war die von Peter Wayand und seinen kompetenten Schauspielern inszenierte Aufführung seines Schauspiels SÜNDE. Von Brecht's Werk abgesehen, waren die Aufführungen im Staatstheater Wiesbaden mit ihren professionellen Schauspielern ziemlich dürftig. Doch ich muss sagen, selbst die Brecht Inszenierung mit den vorhin erwähnten Schauspielern, hält eine Relation mit der dargebotenen Leistung Wayands und seiner Akteure nicht stand. Nicht nur das Stück an sich, auch die Inszenierung scheint mir ein Meisterwerk zu sein. Besonders amüsant fand ich das Klischee des "türkischen" (er stellte sich schließlich als Araber raus) Migranten. Normalerweise bin ich kein wirklicher Freund solcher Klischees, aber in diesem Zusammenhang fand ich es grandios. Es hatte schließlich satirischen Biss (die Deutschen sind selber schuld, dass sie solche "Ausländer" haben, sie lassen schließlich alles rein) und war zudem noch kabarettistisch ("In der letzten Zeit treten ja eine Menge berühmter Menschen aus Politik und Gesellschaft zurück").

Kurzum: Einfach weiterzuempfehlen.



 

Volker Schmidt von Tippelskirch (vps-musik), Wirges

 

(...) Von Anfang an war uns klar, dass dies eine große Herausforderung an unseren Pioniergeist werden würde. Die vielen Mühen im Vorfeld haben mich immer an das Gelingen und die Sache glauben lassen. Jetzt bin ich ehrlich gesagt auch ein wenig Stolz auf das, was wir alle zum Gelingen beigetragen haben. Stolz, ein Stück in diesem Team als Team zu sein. (...)

 

 

Rita Steindorf, Selters

 

(...) Es war beeindruckend, was man mit Laien und einer prima Technik alles hinbekommen kann! Ein dickes Lob von mir. Dieses Thema ist zeitlos und in der ersten Halbzeit (länger war ich leider nicht da) sehr gut rübergekommen. Ihre Fotografin hat bestimmt einen kompletten Überblick, und meine Ausrüstung war bei den schlechten Lichtverhältnissen auch nicht optimal, aber ich maile Ihnen trotzdem einige Stimmungsbilder.

 

(Anm.: Die Stimmungsbilder von Frau Steindorf finden Sie in der entsprechenden Bildergalerie auf den Seiten des Projektheaters Westerwald.)

 

 

Timur Kara, Frankfurt am Main

 

„SÜNDE - ein Schauspiel“ hinterlässt einem nicht nur Antworten auf theologische Fragen, es regt zudem zum Nachdenken an, welchen individuellen und gemeinschaftlichen Wert Religion in der Gesellschaft einnimmt.


Jeschua und seine Frau Magdalena besitzen als „überzeugte Juden“ (5.Aufzug, 7.Auftritt) eine geistig-seelische Weite, die Zugang zur höheren Realität des unendlichen Geistes (manche nennen ihn Gott, Allah oder Jehova) ermöglicht und sich präventiv mit Standfestigkeit gegenüber allen Wechselfällen des Lebens auszeichnet. Sie haben also eine bewusste höhere Einstellung des Geistes und des Seelenheils. Diese seelische Größe erweist sich nicht nur in der Relation der anderen Charaktere als das Überlegene, sie dient dem Leser auch als Vorbild. Auf unwillkürliche und vegetative nicht wollende Spontanität erfolgt bewusste und gelenkte Flexibilität. Die überzeugten Juden sind somit in der Handlung die einzigen Personen die durch religiöse Standfestigkeit in der Lage sind die gemeinschaftliche Problematik am Handlungsort (Sindorf) moralisch zu überwinden. Es führt sogar soweit, dass sie mit dieser Standhaftigkeit selbst den gefallenen strahlendsten Engel, den Teufel (Scheijtan) trotzen können und somit geradezu heroisch wirken. Religion wird als charakterliche Stärke und vor allem als eines der Höchsten und Besten aller menschlichen Bedürfnisse dargestellt, bei der der Pfarrer des Handlungsortes (Sindorf) durch die Erhaltung seiner zölibatären Verpflichtung sein übriges tut. Die Sünde – der Titel des Schauspiels – ist dabei die Schranke der praktizierenden Religion. Ein jeder sollte dabei für sich entscheiden, ob man die Vorstellung eines Gottes braucht, der – in Anbetracht der Sünden – die Handlungs- und Denkweisen einschränkt, oder bei Beibehaltung der Moral die Eigeninitiative ergreift. Die Selbstbestimmung ist bei beiden vorhanden, die Eigenverantwortung jedoch nicht.