Der Fall Conan Doyle (2009)

 

Nicole Glücklich

Der Fall Conan Doyle

 

Zum 150. Geburtstag von Sir Arthur Conan Doyle schenkt uns Peter Wayand seine Kriminalgroteske „Der Fall Conan Doyle“ – und lässt den Schöpfer des Meisterdetektivs Sherlock Holmes samt seiner bekanntesten Charaktere wiederauferstehen. Conan Doyle höchstpersönlich, der zurückgekehrt ist, um mit seinen Figuren „ein wenig Schabernack zu treiben“, wie er es selbst einleitend beschreibt, führt in die amüsante und kurzweilige Begegnung des Publikums mit dem Doyle’schen und vor allem Holmes’schen Universum ein. Sowohl Neulinge der Doyle’schen Werke als auch Kenner finden leichten Zugang zu dem Stück, besteht es doch in weiten Teilen aus wohlbekannten, doch neu komponierten Teilen des Sherlock-Holmes-Kanons. In diesem Zusammenhang muss natürlich eine Parallele zu Jeremy Pauls „The Secret of Sherlock Holmes“ gezogen werden, welches in Deutschland erst ein einziges Mal aufgeführt wurde. Auch jenes Theaterstück besteht zum überwiegenden Teil aus Textstellen des Kanons. Während „The Secret“ jedoch eine ungemeine Dynamik in sich trägt und ein feinkonturiertes Zeitrafferbild der Freundschaft zwischen Holmes und Watson wiedergibt, erzählt „Der Fall Conan Doyle“ eine eigenständige und mitunter eigenwillige Geschichte. Ziel ist es, das Publikum zu unterhalten – und dies gelingt Peter Wayand sehr gut. Einige seiner Ideen sind bereits beim Lesen so erheiternd, dass man sich gut vorstellen kann, wie amüsant sie erst auf ein Publikum wirken müssen, welches mit Spannung das Geschehen auf der Bühne verfolgt. Und es bedarf nicht allzu viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass Peter Wayand den unvergleichlichen Jeremy Brett vor seinem inneren Auge sah, als er so manche Holmes-Szene schrieb. Natürlich dürfen auch im „Fall Conan Doyle“ die zwei wohl bekanntesten Nebencharaktere des Sherlock-Holmes-Kanons nicht fehlen: Professor Moriarty und Irene Adler! Geschickt wird mit dem Gedanken gespielt, wie es wohl wäre, wenn Irene Adler eines Tages zurückkehrte und Sherlock Holmes’ Hilfe erbäte, nachdem sie ihn damals bei dem Fall mit dem König von Böhmen so gewandt an der Nase herumgeführt hatte. Würde Holmes die Frau abweisen, deren Photographie er all die Jahre aufbewahrte, weil sie für ihn ihr gesamtes Geschlecht überstrahlte und beherrschte? Und vor allem: würde er sie abweisen, wenn er erfährt, dass ausgerechnet sein Erzfeind Moriarty hinter Irene Adlers Misere steckt? „Der Fall Conan Doyle“ erhebt keinen Anspruch darauf, die Ereignisse des Kanons originalgetreu zu erzählen sondern ergreift ganz im Gegenteil die Chance, den weiblichen Rollen, welchen in der Welt der Doyle’schen Erzählungen üblicherweise kein allzu großer Part beschieden ist, eine größere Bedeutung und mehr Freiraum zu geben. So darf Mary Morstan-Watson, Dr. Watsons Angetraute, ihrem Mann auch mal keck ins Wort fallen, zusammen mit den Scotland-Yard-Beamten bei der Aufklärung des Falls zugegen sein und den Meisterdetektiv duzen. Dass Peter Wayand mit „Der Fall Conan Doyle“ gerade in der jüngeren Generation nicht nur die Freude am Theaterspiel sondern auch das Interesse an den Werken Sir Arthur Conan Doyles wecken möchte, verdient den Respekt und die Anerkennung jedes Sherlockian und Doylian, ob man nun eine Affinität zu Pastiches besitzt oder nicht. In diesem Sinne wünsche ich jedem Leser und jedem Zuschauer der Uraufführung – frei nach Conan Doyle versteht sich –, dass diese kleine „Rückkehr in die Welt und die Zeit von Sherlock Holmes auf jene Art und Weise auf Ihr Gemüt gewirkt hat, wie es nur das zauberhafte Königreich des Märchens vermag“.

 

Quelle:

Sherlock-Holmes-Magazin, Vorabdruck aus der Dezember-Ausgabe 2009, Sherlock Hollmes Kurier vom 13.8.2009, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Autorin

 

 

Ulrike Fritscher

Koblenzer Theaterexperiment: Sherlock Holmes trifft auf seinen Erfinder

 

Koblenz. Man stelle sich vor, ein berühmter Schriftsteller entsteigt dem Himmel, trifft seine eigenen Romanfiguren und wird Teil seines Werks: So geschehen jetzt bei einer Theateraufführung in der Koblenzer Musikschule mit Sir Arthur Conan Doyle, dem Erfinder von Sherlock Holmes.

 

Ein reizvolles Experiment: Sherlock-Holmes-Erfinder Conan Doyle schmuggelt sich in seine eigene Geschichte, bringt darin Figuren zusammen, die eigentlich zwischen ganz verschiedene Buchdeckel gehören, und beobachtet genüsslich, was seine Geschöpfe aus diesem abenteuerlichen Schabernack machen. Autor Peter Wayand hat diese leicht verrückte Idee zu Papier gebracht und den "Fall Conan Doyle" geschaffen, eine satirisch-biografische Kriminalgroteske, die das Projekttheater Westerwald und die Kroatische Kulturgesellschaft in Zusammenarbeit mit der Koblenzer Musikschule auf der Bühne präsentierten.

 

Ausgangspunkt bei Wayands Gedankenspiel ist Sir Arthur Conan Doyle, der in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag gefeiert hätte. Wayand, Realschullehrer in Höhr-Grenzhausen mit Leidenschaft für Musik, Literatur und Theater, treibt sein Spiel, indem er die Fäden aus Sherlock-Holmes-Geschichten und Professor Challengers "Vergessener Welt" zu einem neuen Kriminalfall verwebt.

 

Den Strippenzieher lässt er Doyle (Arne Bühring) höchstpersönlich sein. Der gibt sich als Dr. Abraham Smyth aus und setzt Holmes auf die Fährte seines angeblich entführten Freundes Conan Doyle. Daraus entwickelt sich ein abenteuerlicher Kriminalfall, den Holmes, dargestellt von Michael Hintz, mit analytischem Verstand und nach einigen Verwicklungen selbstverständlich löst. Dabei trifft er auf zahlreiche Romanfiguren, teils aus Doyles "Vergessener Welt", hauptsächlich aber aus seinem eigenen Universum, etwa in Person von Dr. Watson, Haushälterin Mrs. Hudson und seinem Gegenspieler Professor James Moriarty, in seiner Boshaftigkeit treffend verkörpert von Marius Hohlstamm. Nachdem er die Handlung in Gang gesetzt hat, betrachtet Doyle in aller Seelenruhe bei einer Tasse Tee vom Rand der Bühne aus, wie sich seine Figuren verselbstständigen. Etwa Holmes als natürlich pfeiferauchender Meisterdetektiv, der für einen kniffligen Kriminalfall sogar die Finger vom Kokain lässt, Dr. Watson als staunender Helfer, der gedanklich immer einen Schritt hinter Holmes herhinkt und Inspektor Lestrade, dem der Bösewicht Moriarty ins Netz geht und auf den letzten Drücker doch wieder entwischt.

 

Atmosphäre gewinnt das Stück durch die historischen Kostüme, die aufwendigen Hochsteckfrisuren der Damen und den "blauen Dunst" aus Holmes Pfeife, die der Detektiv auf offener Bühne gemütlich schmaucht.

 

Inhaltlich wird den Zuschauern einiges abverlangt. Wer von Doyle bislang nicht mehr kannte als etwa den "Hund von Baskerville", braucht ein Weilchen, um in das komplexe Geschehen einzusteigen. Doyle-Kenner haben es da ungleich leichter, vor allem die kleine Abordnung der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft, die sich richtig in Schale geworfen hatte und das Stück in Originalkostümen vom Zuschauerraum aus verfolgte.

 

Diese eingefleischten Fans beobachteten wohlwollend, was Wayand mit ihrem Romanhelden angestellt hatte. Es sei ein Erlebnis gewesen, resümierte etwa Sherlock-Holmes-Fan Jens Arne Klingsöhr aus Hannover und lobte Wayands Vorhaben, aus Versatzstücken des Doyle'schen Geschichtenkanons eine ganz neue Story zu stricken.

 

RZO - Rheinzeitung Koblenz vom 10. November 2009 - Quelle