SUBkulturen XXI

Valentina Kvesić, Zwischen Hoffen und Bangen oder das letzte Quäntchen Hoffnung (2009), Mischtechnik, 60x80 cm

Im Flüchtlingsstrom

(- Bildbetrachtung -)

 

I. Auf der Flucht

 

Erinnere dich, wie es war in der Heimat!

Erinnere dich an die glücklichen Zeiten!

Erinnere dich an jenes Leben davor!

Erinnere dich, wie du gelebt hast, bevor

Man dich zwang, dich verstieß in die fremden Weiten

Einer besseren Welt, in den Kulturspagat,

 

Der, wenn auch notgedrungen, besser ist, als tot

Im Staub eines zerstörten Hauses zu verweh’n.

Erinnere dich an das Weinen der Kinder!

Erinnere dich an die brutalen Schinder!

Erinnere dich an die Opfer – sie vergeh’n!

Erinnere dich an das letzte Morgenrot!

 

II. Bei der Ankunft

 

Sei willkommen in diesem Land deiner Träume!

Sei willkommen als ein Fremder unter Fremden!

Sei willkommen im für dich schwer Verständlichen?

Sei willkommen in dem für dich ausländlichen

Umfeld weißhäutiger Wesen? Deine Hemden,

Deine Hosen, Zeugen kriegerischer Räume,

 

Weder frisch gewaschen noch gebügelt, passen

Leider nicht mehr in die neue Realität.

Sei willkommen trotz der Unkenntnis der Sprache!

Sei willkommen trotz einem Herzen voll Rache!

Sei willkommen, arme verfolgte Entität!

Sei willkommen als Mitglied bedrohter Rassen!

 

III. In der Unterkunft

 

Vergessen kannst du all die Qualen und Schmerzen!

Vergessen kannst du die Schreie der Verzweiflung!

Vergessen kannst du die Schleuser und die Schiffe!

Vergessen kannst du die Stürme und die Riffe,

Die Kämpfe, die Bedrohung, die Anpöbelung,

Das Verlangen nach Ruhe in deinem Herzen,

 

Nach Wohlstand, nach Frieden und nach Zufriedenheit,

Nach offenen Armen, nach Hilfe, nach Liebe!

Vergessen kannst du jene eiskalten Fluten!

Vergessen kannst du das unnötige Bluten!

Vergessen kannst du des Schicksals harte Hiebe!

Vergessen kannst du der Völker Verschiedenheit!

 

IV. Nach dem Anschlag

 

Sehne dich danach, keinen Hunger zu leiden!

Sehne dich danach, nie mehr den Durst zu schmecken!

Sehne dich danach, einmal sorglos zu schlafen!

Sehne dich danach, ohne die Angst vor Strafen,

Vor Folter, vor menschenverachtendem Schrecken,

Vor leisen und scharfen Assassinenschneiden,

 

Den Rücken nie mehr unter Knuten zu beugen,

Wie ein Mensch von Menschen behandelt zu werden!

Sehne dich danach, endlich zu tun, was du willst!

Sehne dich danach, dass du deine Sehnsucht stillst!

Sehne dich danach, frei zu sein von Beschwerden!

Sehne dich danach, das Unrecht zu bezeugen!

 

V. Vor der Abschiebung

 

Kämpfe im Schlaraffenland ums Überleben!

Kämpfe gegen Brandsätze, rechte Parolen!

Kämpfe gegen Abschiebung und Sinnlosigkeit!

Kämpfe in der Masse gegen Hilflosigkeit,

Kralle dich voll Inbrunst tief in Priesterstolen,

Erzeuge in der Menge menschliches Beben,

 

Ein Raunen, ein Zittern, ein Zetern, ein Streben

Nach Barmherzigkeit und nach göttlicher Gnade!

Kämpfe gegen den Verlust der Identität!

Kämpfe gegen aufkommende Abnormität!

Kämpfe gegen die politische Charade!

Kämpfe in Notwehr! Verteidige dein Leben!

 

VI. Nach der Abschiebung

 

Erinnere dich, wie es war in der Freiheit!

Erinnere dich, wie er schmeckte, der Frieden!

Erinnere dich an die wütenden Massen!

Erinnere dich! Kannst du es wirklich fassen,

Dass die Politiker es haben vermieden,

Dir ins Gesicht, in die Augen zu seh’n, Gleichheit

 

Zu rufen, Brüderlichkeit sich auf die Fahnen

Zu schreiben, bedauernd Hilfe zu verweigern?

Erinnere dich an das Lachen der Kinder?

Erinnere dich an die freundlichen Schinder?

Erinnere dich! Ließ die Not sich noch steigern?

Erinnere dich an das Land deiner Ahnen!

 

(entstanden am 29. August 2015)

 

(c) & (p) by Peter Wayand