SUBkulturen II

Valentina Kvesić, "if you can dream it, you can do it" (2015), Acryl auf Leinwand, 80x80

Acheron

(- Bildbetrachtung -)

 

Es brodelt und kocht und dampft über dem Wasser

des Flusses, der weit um den Hades herumführt.

Schmutzige Fluten gluckern unheimlich, grausam

Schiebt sie sich, die schwarze Barke, unaufhaltsam

Durch die dunklen Wellen. Der Fährmann, unberührt,

Führt die Totenfähre, des Schicksals Erblasser.

 

„Charon, mein Alter, was blickst du so düster drein?

Du kreuzt hier so lange schon mit deinem Nachen,

Hast so viele kommen und gehen gesehen.

So viele Seelen, so viele Leben, wehen

Unter deiner Führung hinüber, entfachen

Die Feuer der Unterwelt, lösen sich vom Sein.“

 

Der Fährmann weist mich an, still zu sein und deutet

Mit knöcherner Hand nach vorne in den Nebel.

Sein blanker Totenschädel zeigt Verwunderung,

Er stoppt den Kahn, ich zolle ihm Bewunderung,

Denn das hat er noch nie getan, der Feldwebel

Im Dienst des Hades, degradiert, ausgebeutet.

 

Direkt vor dem Schiff, aus den brennenden Schatten

Brechend, zeigt sich eine zweite schwarze Barke.

Ächzend und stöhnend und quietschend knarzt sie im Holz,

An ihrem Ruder steht mit unverhohl’nem Stolz

Der Gebieter des Leidens, der als der starke

Schmerz die Nymphe Gorgyra durfte begatten:

 

„Acheron!“ Nur dieser eine Name entweicht

Den stummen Knochenlippen Charons. Er zittert -

Seh’ ich richtig? - und klappert mit den Gebeinen.

Das ist beschämend! Könnt ich’s, ich würd’s beweinen!

Der Flussgott, seinen Najadensohn verbittert

Suchend, in seiner Verzweiflung dem Fährmann reicht

 

Seine feuchtklamme Pranke und spricht zu ihm hohl:

„Charon, ich verwehre dir deinen Lauf solang,

Bis du mir den Askalaphos übergeben

Hast. Den Sohn, dem ich versprochen hab’ zu leben,

Um den seiner Mutter Orphne Herz ist so bang,

Und dem ich erhalten muss das seelische Wohl.“

 

Der Fährmann bedenkt sich, erhebt dann die Stimme,

Die falb und fahl ertönt wie ein Ruf aus dem Grab:

„Ich kann den Unterweltdämon nicht befreien,

Da hilft’s dir auch nicht, auf den Hades zu speien.

Er wurd’ an Persephone zum Verräter, gab

Sie in die Hand der Unterwelt und die schlimme

 

Rache Demeters begrub ihn unter dem Stein,

Der ihn seither bannt. Suche ihn nicht im Orkus.“

Nun breitet sich knisternde Stille aus, zwischen

Den unird’schen Wesen die Grenzen verwischen.

„Charon, wo finde ich der Göttin Abakus?“

Der Fährmann neigt das Haupt, als tränk’ er bitt’ren Wein.

 

Des Flussgottes eisiger Blick sich verschleiert

Und stumm wendet er sich ab, wie von Geisterhand

Verschwindet Acherons Barke im trüben Dunst,

Der über dem Fluss hängt. Das ist die wahre Kunst,

Die eigentliche Fahrt fortzusetzen, die Wand

Zu durchbrechen, die die Sinnlosigkeit feiert.

 

(entstanden am 21./22. April 2015)

 

(c) & (p) by Peter Wayand