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Halvers Stimme - ein Bildungsträger

 

Lange ist es her, dass ich Konrad Halver zum ersten Mal hörte. Es war seine Interpretation von Karl Mays Winnetou in dem Hörspiel "Der Schatz im Silbersee" für das Studio Europa. Was soll ich sagen – es war nicht nur eine Interpretation, er war Winnetou. Er wurde durch seine Stimme zur Verkörperung des May’schen Helden nicht nur für mich, sondern auch für viele meiner Freunde und Altersgenossen. Es war dieser spezifische, nicht näher zu beschreibende emotionale Unterton, der uns dieses Hörspiel (und alle anderen, in denen er den Winnetou sprach) immer und immer wieder hören ließ.

Doch damit nicht genug. Es blieb nicht nur dabei, dass wir beim Klang seiner Stimme das berühmte Kino-im-Kopf-Erlebnis hatten, dass wir Winnetou quasi vor uns sahen, wie er auf seinem Rappen Iltschi über die weite Prairie galoppierte, nein, wir begannen, die Texte der Hörspiele auswendig zu lernen. Und das, was heute jedem Deutschlehrer schwer fällt, nämlich die Kinder und Jugendlichen dazu zu bewegen, einen literarischen Text auswendig herbeten zu können, gelang Halver spielend. Wir warfen uns, während wir die Hörspiele detailgetreu auf der Wiese hinter dem Haus nachspielten, seine Texte zu und korrigierten uns bei der kleinsten Unsicherheit gegenseitig ("Hey, das hast du aber falsch gesagt, das heißt so: …"). Doch es blieb nicht nur beim Auswendighersagen, nein, es wurde Betonung, Intonation und sogar die Satzmelodie exakt kopiert. Das durch Halvers unverwechselbare Art hervorgerufene Pathos ergriff uns alle und diese Art von Katharsis-Effekt ergreift mich heute noch, wenn ich die Hörspiele wieder höre.

Ganz nebenbei wurde durch die jeweilige Thematik der Hörspiele eine gewisse Art klassischer Bildung vermittelt. Die Kenntnis literarischer Stoffe, die heute in Buchform nur noch die wenigsten lesen wollen, was immerhin beklagenswert ist, wurde und wird durch die Hörspiele quasi nebenbei vermittelt und setzte sich in den Köpfen der Hörer fest. Und dieser Bildungswert ist angesichts der Pisa-Ergebnisse und der ach so modern gewordenen Bildungsverdrossenheit unserer Tage gar nicht hoch genug zu bewerten.

Später hat sich das übertragen auf die Sprechweise im Alltag, auf die Ausdrucksweise und die Wortwahl. Ich fand in meiner Gesangs- und Sprechausbildung in Köln bei Willi Gesell vieles von dem wieder und machte mir das bewusst, was ich mir all die Jahre unbewusst durch Nachahmung angeeignet hatte. Das, was ich so gelernt habe, kann ich gottlob heute an meine Schülerinnen und Schüler weitergeben. Es hat heute enormen Anteil an der Probenarbeit meiner Schultheaterprojekte, wie meinem aktuellsten Projekt, der erstmaligen Inszenierung von Karl Mays einzigem Drama „Babel und Bibel“ und auch an der alltäglichen unterrichtlichen Arbeit, denn das Sprechen gehört nach wie vor zu den wichtigsten Instrumenten der Wissensvermittlung.

 

So wurde Halver, dessen Stimme nach wie vor für mich die einzig wahre Winnetou-Stimme ist ("Es kann nur einen geben!"), durch die Darstellung der May’schen Figuren zum Lehrer und Vorbild. Was bleibt, ist "Danke!" zu sagen, danke an einen großartigen Schauspieler, danke an eine großartige Stimme. Howgh, ich habe gesprochen!

 

Peter Wayand, 30.06.2005

 

© by Peter Wayand