"Tränen sind der Seele weißes Blut"

Dichterliebe

"Widersprüchlich, ästhetisch, politisch, poetisch" - Ein Dialog zwischen Heine und Schumann in 8 Bildern

 

18. November 2006

 

zum 150. Todestag Schumanns und Heines

 

Anstelle einer Einleitung

 

„So ein paar grundgelehrte Zitate zieren den ganzen Menschen.“ – An dieses Bonmot Heines musste ich in diesen Tagen denken, als ich meine Beschäftigung mit den beiden großen deutschen Künstlern begann. Der eine ein in sich zerrissener Musiker, der andere ein jüdischer Dichter von hohem politischen Durchblick. Der eine ein Ostdeutscher, genauer aus Zwickau, dessen späterer Lebensweg ihn auch nach Düsseldorf führen wird, der andere eben ein Düsseldorfer, ein Westdeutscher, der dennoch stark durch den französischen Geist geprägt wurde, der in seiner Kinder und Jugendzeit in Düsseldorf vorherrschte. Der eine ein Wegbereiter der Romantik, der andere ein satirischer Realist, dessen bevorzugtes Stilmittel die Ironie war. Hat Schumann, der seine Texte ja vertont hat, diese Ironie begriffen und in seinen Liedern musikalisch kongenial umgesetzt? – Ist jene – im aktuellen Sprachgebrauch der Jahrhundertschwelle 1999/2000 – deutsch-deutsche Künstlerzusammenarbeit nicht heute aktueller und politischer denn je? –

 

Robert Schumann hatte sich als Siebzehnjähriger im März 1828 an der Universität Leipzig für das Jurastudium eingeschrieben. Vor Beginn des Semesters ging er jedoch mit seinem Freund Gisbert Rosen auf eine „Jünglingswallfahrt“ über Bayreuth, Augsburg und München. In München besuchte und begegnete er Heinrich Heine, dem um dreizehn Jahre älteren Dichter. Eine Beziehung – gleich welcher Art – zwischen beiden Künstlern hat sich aus dieser Begegnung leider nicht entwickelt.

 

Schumann fasst dieses Treffen, das in München im May 1828 stattfand, in einem Brief vom 9. Juni 1828 an Heinrich Kurrer wie folgt zusammen:

„(…) In München befand ich mich, wie ich Ihnen schon geschrieben zu haben glaube, nicht ganz wohl und heimisch, und ich merkte den kalten, schneidenden Residenzton, nur zu bald. Die Glyptothek so prachtvoll sie angelegt ist, ist noch nicht vollendet u. lässt einen daher jetzt nur unbefriedigt und nur die Bekanntschaft mit Heine … machte meinen Aufenthalt einigermaßen interessant u. anziehend. Ich stellte mir in Heinen einen mürrischen, menschenfeindlichen Mann vor, der schon wie zu erhaben über den Menschen und dem Leben stünde, als dass er sich noch an sie anschmiegen könnte. Aber wie anders fand ich ihn und wie ganz anders war er, als ich mir ihn gedacht hatte. Er kam mir freundlich, wie ein menschlicher, griechischer Anacreon entgegen, er drückte mir freundschaftlich die Hand u. führte mich einige Stunden in München herum – dies alles hätte ich mir nicht von einem Menschen eingebildet, der die Reisebilder geschrieben hatte; nur um seinen Mund lag ein bittres, ironisches Lächeln, aber ein hohes Lächeln über die Kleinigkeiten des Lebens u. ein Hohn über die kleinlichen Menschen; doch selbst jene bittere Satyre, die man nur zu oft in seinen Reisebildern wahrnimmt, jener tiefe, innere Groll über das Leben, der bis in das äußerste Mark dringt, machte seine Gespräche sehr anziehend. Wir sprachen viel über den großen Napoleon u. ich fand in ihm einen Bewunderer, wie man ihn, außer in Augsburg, wohl selten trifft. Auch sprach er davon, ehestens in die alte Augusta zu reisen, um Sie vorzüglich kennen zu lernen. (…)“
(zit. n. Robert Schumann, Briefe 1828-1855, S. 11)

 

Soweit also Schumanns Beschreibung Heines. Von Heinrich Heine findet sich keine Beschreibung des Treffens, wohl, weil sie ihm nicht besonders wichtig erschien, zumal es sich damals bei Schumann um einen völlig unbekannten jungen Musiker aus Zwickau handelte, der noch nicht einmal Musik studierte, sondern Jura.

 

Erst zirka zehn Jahre später, 1839/40, vertont Schumann als Hauptvertreter des klassisch romantischen Klavierlieds Heines Texte. Dreizehn Lieder finden sich verteilt auf die Opuszahlen 25 (Nr. 7, 21 und 24), 49 (Nr. 1 und 2), 53 (Nr. 3, I-III), 57, 64 (Nr. 3, I-III) und 127 (Nr. 2), dazu kommen zwei Liederzyklen, nämlich der Liederkreis op. 24 mit neun und die „Dichterliebe“ op. 48 mit sechzehn Liedern. Eine gekürzte Auswahl dieser Vertonungen haben Sie bereits und werden Sie im weiteren Verlauf des Abends noch zu hören bekommen.

 

Ob Heinrich „Harry“ Heine die Vertonungen seiner Texte jemals gehört hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Auch gibt es nur einige wenige Hinweise auf die Inhalte des Gesprächs der beiden. So bleibt vieles Spekulation und damit letztlich Fiktion. Dennoch könnte, was Sie nun im Folgenden hören und erleben werden, so stattgefunden haben. Manches muss aber unter Berufung auf die Freiheit und die Intention des Autors auch dazu erfunden werden, um ein lebendiges Bild dieser beiden großen deutschen Künstler des 19. Jahrhunderts zu malen. In diesem Sinne bitte ich Sie, nicht zu streng mit dem Autor diesbezüglich ins Gericht zu gehen.