Seid umschlungen, Millionen ...

Reflexionen zu Leben und Werk des Friedrich von Schiller (1759-1805)

 

15. Oktober 2005

 

Im Schillergedenkjahr 2005

 

Inhalt

  1. Prolog: Eine "schillernde" Persönlichkeit
  2. Marbach am Neckar (1759-1773)
  3. Stuttgart (1773-1782)
  4. Bauerbach im Thüringischen (1782/1783)
  5. Mannheim (1782-1785)
  6. Leipzig und Dresden (1785-1789)
  7. Weimar (1787-1789)
  8. Jena (1790-1800)
  9. Nach Berlin (April/Mai 1804)
  10. Rückkehr nach Weimar (1800-1805)
  11. Epilog: Schillers Obduktion oder "Gebietet der Geist tatsächlich über den Körper?"

1. Prolog: Eine "schillernde" Persönlichkeit

 

Ich soll einen Vortrag halten. Einen Vortrag über Friedrich Schiller. Nach Johann Sebastian Bach (2000) und Giuseppe Verdi (2001) nun also Schiller. Kein Musiker, wie bisher, sondern ein Dichter, oder zumindest das, was der Volksmund als einen solchen bezeichnet. Und doch brauchte ich auch die Verbindung zur Musik nicht lange zu suchen, hatten sich doch viele große Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts seiner Texte und Dramen angenommen und sie kongenial in Tönen interpretiert und umgesetzt. Heute Abend werden Sie stellvertretend für alle diese Künstler Werke von Franz Schubert, der zum Zeitpunkt von Schiller Heimgang gerade mal acht Jahre alt war, sowie die zentrale und bedeutendste Schillervertonung des 19. Jahrhunderts, den Schlusschor aus der 9. Symphonie von Beethoven hören. 

Als man die Bitte – obgleich, in der Art ihrer Formulierung war es eher eine Aufforderung – diesen Vortrag zu planen und durchzuführen an mich herantrug, wurde ich unsicher. Gewiss, ich hatte Germanistik studiert und kannte also demnach auch die bekanntesten Werke dieses großen Antipoden Goethes, als da wären Dramen wie "Die Räuber", "Kabale und Liebe", "Don Karlos. Infant von Spanien", "Maria Stuart", "Wallenstein", "Wilhelm Tell" usw., oder seine großen Balladen "Die Glocke" und "Die Bürgschaft" – letztere durfte ich selbst noch zu Schulzeiten auswendig lernen – "Die Kraniche des Ibykus" oder die unnachahmliche "Ode an die Freude", die Beethoven so kongenial vertonte.

Dennoch hatte ich mich nie ernsthaft mit dem Menschen Schiller befasst, er war mir zu weit entfernt, zu schwierig, zu unhandlich … und jetzt, im Schillergedenkjahr, in dem sich sein Todestag zum 200. Mal jährt, wird man ja mit Materialien und Büchern über ihn zugeworfen. Aber ich war nie der Mensch, der auf eine Modewelle aufspringt und sich mit Schiller befasst, nur weil Gedenkjahr ist und weil alle es tun. Weshalb sich also trotzdem mit Schillern befassen? –

Die Begründung hierzu lieferten mir meine Schülerinnen und Schüler. In der Schule wurde – trotz des Gedenkjahres – kaum darüber gesprochen, Schiller eigne sich nicht für die moderne Schule und schon gar nicht für eine Realschule … Da tauchte das Angebot einer ortsansässigen Buchhandlung auf, einen Schillerkoffer, ähnlich dem Lesekoffer für die Orientierungsstufe, den wir bereits erfolgreich ausprobiert und erprobt hatten, zur Verfügung zu stellen. Jetzt kamen Fragen auf: "Wer ist denn das?", "Wieso reden alle über den?", "Was hat der mit uns zu tun, der ist doch schon lange tot?" –

Was macht man in einem solchen Fall, wenn man selbst auf die Fragen seiner Schülerinnen und Schüler keine Antwort geben kann, weil man selbst nicht viel weiß? – Man beginnt zunächst zu bibliographieren, sich Informationen zu beschaffen. Eine wahre Sisyphosarbeit angesichts der Bandbreite der erschienen Literatur. Also heißt es auswählen, auswählen aus dem Wust von Basisbiographien, Lebensdarstellungen und Werkinterpretationen. Es gilt einen Zugang zu finden, einen persönlichen Zugang, der diesen Schiller aus seiner Fremdheit und Unnahbarkeit für den Menschen der heutigen Zeit herausholt und ihn ansprechbar macht, ihn für die Fragen, die wir an ihn haben, zu öffnen.

Zwei Werke, die dieses Jahr erschienen sind, will ich denn auch jetzt schon demjenigen wärmstens ans Herz empfehlen, der sich über diesen Vortrag hinaus mit dem Dichter befassen will. Es sind dies zum einen Sigrid Damms Buch "Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung" und zum anderen Rüdiger Safranskis Biographie "Friedrich Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus". Beide Werke haben mir in der Vorbereitung gut Dienste geleistet und heben sich, nach meinem persönlichen Dafürhalten, deutlich aus dem Wust der Schillerbiographien heraus, widmen sie sich doch in wohltuend unwissenschaftlicher Art und Weise dem Menschen Friedrich Schiller, dem Künstler, der seine Werke gleichsam den Geburtswehen einer Schwangeren mit Mühe, Not und Schmerzen in die Welt brachte, dabei eine Ahnung dessen erheischend, was Goethe mit dem "Schein des Himmelslichts" beschreibt.

Lassen Sie sich nun also einladen, zu einer Wanderung durch das Leben und das Werk jenes Mannes, dessen Leben sich geographisch betrachtet in sehr engen Bahnen bewegte, wie sie an den folgenden Karten sehen können werden. Seine Phantasie ließ ihn jedoch in weit entfernte Sphären reisen. Die Wanderung wird uns nun zu allererst an den Neckar führen, ins Schwäbische, in die Nähe von Stuttgart, dessen sprachliches Idiom Schiller Zeit seines Lebens nie mehr verlieren wird. Von Marbarch wird die Wanderung über Lorch und Ludwigsburg nach Stuttgart gehen. Von dort geht es weiter nach Bauerbach (Thüringen), Mannheim, Leipzig, Dresden, Weimar, Jena und schließlich auch nach Berlin. Beenden wird Schiller sein Leben in Weimar. 

 

Begeben wir uns zuerst nun als nach Marbach am Neckar.

 

2. Marbach am Neckar (1759-1773)

 

Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts! Die folgenreichen Ereignisse der Französischen Revolution von 1789 sind unterschwellig bereits im Land spürbar. Ein Blick auf die Karte zeigt ein Land, das sich ausnimmt wie ein Flickenteppich. Ein zerissenes, uneiniges Gebilde, eine Anhäufung vermeintlich autonomer Kleinstaaten, in denen jeder Landesfürst als ein absolutistischer Herrscher willkürlich schaltet und waltet, wie es ihm gefällt. "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!" wird der deutsche Dichter Hoffmann von Fallersleben knapp ein Jahrhundert später in seinem Deutschlandlied formulieren, und er wird damit meinen, dass sich Deutschland endlich über diesen Wust seiner eignen Kleinstaaterei hinweg hebt und so der republikanischen Idee Tür und Tor öffnen.


Ein solcher Kleinstaatenherrscher ist auch Herzog Karl Eugen von Württemberg. Er hat die nach ihm benannte "Karlsschule" auf der Solitude bei Stuttgart gegründet, in der nur die besten jungen Männer des Landes ausgebildet und unterwiesen werden sollten, doch davon später mehr.

In Marbach, einem kleinen Ort am Neckar, heute Stadt, kommt Johann Christoph Friedrich Schiller am 10. November als zweites Kind des Wundarztes und Offiziers Johann Kaspar Schiller und seiner Frau Elisabeth Dorothea geb. Kodweiß, der Tochter des Löwenwirts in Marbach zur Welt. Diese ersten Jahre sind geprägt von ständig wechselnden Aufenthalten. Nach der Rückkehr des Vaters aus dem Krieg zieht man um nach Lorch, wo der kleine Friedrich eine Art Elementarschule bei Pfarrer Moser erfährt, den er derart in sein Herz schließt, dass er ihm später in den Räubern ein literarisches Denkmal setzen wird und sich entschließt, Theologie zu studieren. 

 

Der Vater wird kurz darauf in die Garnison Ludwigsburg zurückbeordert; er folgt dem Ruf und seine Familie zieht mit. Friedrich besucht die dortige Lateinschule. Bald aber schon bedrängt Karl Eugen Vater Schiller, dass sein Sohn Zögling der Militär-Pflanzschule wird, aus der dann später, nach dem Umzug der Akademie nach Stuttgart 1774, die "hohe Karlsschule" wird. Dem Machtspruch seines Herzogs hat Vater Schiller wenig entgegenzusetzen und als der Knabe auf die Karlsschule eingezogen wird, attestiert ihm der Arzt einen ausgebrochenen Kopf (Ausschlag) und etwas verfrörte (erfrorene) Füße.

 

3. Stuttgart (1773-1782)

 

"Es ist Ihnen schon bekannt, mit wie viel Munterkeit ich die Wissenschaft der Rechte angenommen habe. Es ist Ihnen, wie glücklich ich mich schätzen würde, wann ich durch dieselbe meinem Fürsten, meinem Vaterland dereinst dienen könnte, aber weit glücklicher würde ich mich halten, wenn ich solches als Gottesgelehrter ausführen könnte …"


So schreibt Schiller 1774 in einem Bericht über sich selbst an Karl Eugen. Doch seine Pläne, Geistlicher zu werden, hatte er nach dem Umzug der Akademie nach Stuttgart und der Umfirmierung in "Hohe Karlsschule" aufgeben müssen. Er hatte 1774 ein Jurastudium begonnen, welches er aber bereits zwei Jahre später in ein Medizinstudium umwandelte. 

"Lebende Menschen interessierten mich doch wohl eher als tote Gesetzestexte."

Aber Schiller litt in der Karlsschule. Es ging dort zu wie auf einer "Sklavenplantage", so äußerste sich Christian Friedrich Daniel Schubart, der Intimfeind des Herzogs. Ob das wirklich so zugetroffen hat, darf bezweifelt werden, jedoch wartete in der Tat auf die Knaben ein streng diszipliniertes und überwachtes Kasernenleben, eine militärische Uniformierung (blauer Rock, weiße Kniehose, weiße Gamaschen, Zopfperücke und Dreispitz) und ein fest geregelter Tagesablauf:

  • 05 Uhr (sommers)/6 Uhr (winters) – Aufstehen, Musterung, Rapport, Frühstück
  • 07–11 Uhr – Unterricht
  • 11–12 Uhr – Montursäubern und Musterung durch den Herzog
  • 12 Uhr – Mittagessen, Spaziergang gruppenweise mit Aufsicht
  • 14-18 Uhr – Unterricht
  • 18-19 Uhr – Erholungsstunde
  • 19 Uhr – Musterung, Rapport
  • 21 Uhr – Schlafenszeit

Wie es beim Essen zuging, hat Friedrich Nicolai geschildert, und diese Schilderung soll für sich stehen, da sie aussagekräftig genug ist:

"Jeder blieb hinter seinem Stuhl stehen und machte auf Kommando Front zur Tafel. Mit lautem Klatschen flogen alle Hände im Gebet zusammen, danach ergriff jedermann den Stuhl und ließ sich mit gleichzeitigem Geräusch darauf nieder, als wenn ein Bataillon das Gewehr abfeuert. Es fehlte noch, dass alle im Takt mit dem Löffel in die Suppe fahren. Das Kommando, mit dem Essen zu beginnen, erteilte aber der Herzog. Er stand gewöhnlich am Tisch der Chevaliers und sah sich um, bis jeder seinen Platz eingenommen hatte. Dann rief er sein "Dinez messieurs!", und die Zöglinge gehorchten mit tiefer Verbeugung. Während der Mahlzeit wurde kein lautes Gespräch geduldet. Sechs Eleven teilten sich eine Schüssel, aus der einer den anderen vorlegte; dieses Amt wechselte täglich. Karl Eugen blieb im Saal. Im roten Frack, mit einem Stöckchen spielend, schritt er durch die Tischreihen, plauderte väterlich mit den Zöglingen und teilte nach Gebühr Lob und Tadel aus. Um das Bild der großen Familie zu vervollständigen, zeigte sich auch die Gräfin von Hohenheim oft im Speisesaal."

Schiller lehnte sich innerlich immer wieder gegen diese Geist auf, der in der Schule herrschte. Er verbündete sich mit gleich gesinnten Mitschülern und las vor allem Klopstock und Lessing. Aber auch die Sturm-und-Drang-Dramatiker fassten Fuß in seinem Kopf und Ende der 1770ziger Jahre gebiert dieser derart geschulte Geist sein erstes Meisterwerk. "Die Räuber", begonnen 1777 und vollendet 1780, sorgte für unglaubliche Furore. 

Am 15.12.1780 wird er aus der Militärakademie entlassen und in Stuttgart als Regimentsmedicus angestellt. Seine Dissertation brauchte drei Anläufe, um angenommen zu werden. Seine Absicht, die Medizin mit der Philosophie zu verbinden, wurde nicht anerkannt. Erst die dritte Dissertation wurde angenommen. 
Über seine diesbezügliche Arbeit als Militärarzt ist relativ wenig bekannt, allerdings schien er eine Vorliebe für den Gebrauch von Brechmitteln zu haben, die er gegen jedes Wehwehchen verschrieb. Dies dokumentiert auch der einzig erhaltene Rezeptzettel in seiner Handschrift.

1782 werden die Räuber erstmals in Mannheim uraufgeführt. Schiller reiste zur Uraufführung an – ohne vorher die Erlaubnis des Herzogs einzuholen. Dabei hätte er sich fast verspätet, denn er konnte sich offensichtlich nicht von einem Dienstmädchen in einem Gasthof auf der Stecke losreißen … Was er dann aber nach der Aufführung erleben konnte, stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten:

"Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht."

 

So ein Augenzeuge der Aufführung. Aber dem Erfolg folgt die Ernüchterung. Der Herzog lässt Schiller in Arrest setzen und verbietet ihm bei Todesstrafe das weitere Verfassen und Publizieren literarischer Schriften. Die Künstlerseele empört sich. Sie sieht keinen anderen Ausweg als die Flucht. Ende September flieht er dann auch mit seinem Freund, dem Pianisten Andreas Streicher, nach Mannheim. 


4. Bauerbach im Thüringischen (1782/1783)

 

Henriette von Wolzogen bietet ihm ein Asyl auf ihrem Gut im thüringischen Bauerbach an.

Schiller lernt dort den Meininger Bibliothekar Wilhelm Friedrich Hermann Reinwald kennen.

 

5. Mannheim (1782-1786)

 

Schiller kehrt zurück nach Mannheim. Dort bekommt er einen einjährigen Vertrag als Theaterdichter am Mannheimer Nationaltheater. 
1784 wird das republikanische Trauerspiel „Die Verschwörung des Fiesko zu Genua“ uraufgeführt. 
Das bürgerliche Trauerspiel "Luise Millerin", das später umbenannt wird in "Kabale und Liebe", wird in Frankfurt am Main uraufgeführt.
Er freundet sich mit Charlotte von Kalb an.
Im Dezember 1784 liest er am Darmstädter Hof den ersten Akt seines neuen Stückes "Don Karlos. Infant von Spanien" vor. Der ebenfalls anwesende Herzog Carl August von Weimar verleiht Schiller den Ratstitel.

Jenem Herzog widmet er auch die "Rheinische Thalia".

 

6. Leipzig und Dresden (1785-1789)

 

Schiller kommt im April 1785 in Leipzig an. Dort begegnet er Ludwig Ferdinand Huber und den Schwestern Minna und Dora Stock.
Im Mai trifft er sich in Gohlis mit dem Verleger Georg Joachim Göschen.
Im Juli begegnet er zum ersten Mal seinem späteren Freund und Vertrauten Christian Gottfried Körner.
Im Herbst siedelt er über nach Dresden.
1787 entbrennt er in leidenschaftlicher Liebe zu Henriette von Arnim.

Im Juli wird der "Don Karlos" in Hamburg durch Friedrich Ludwig Schröder uraufgeführt.

 

7. Weimar (1787-1789)

 

Charlotte von Kalb lädt Schiller nach Weimar ein und wird dort von ihr in die gehobene Gesellschaft eingeführt. 
Schiller begegnet Wieland und Herder; bei einem Abstecher nach Jena wird er dem Kantianer Karl Leonhard Reinhold vorgestellt.
Im Dezember besucht er mit Wilhelm von Wolzogen die Familie von Lengefeld in Rudolfstadt. Dort lernt er zum ersten Mal seine spätere Frau Charlotte und deren Schwester Caroline von Beulwitz kennen.

Im nächsten Jahr besucht Charlotte Weimar und Schiller wohnt in Rudolfstadt. Er bekommt eine unbesoldete Professur für Philosophie mit einem Lehrauftrag für Geschichte an der Universität Jena.

 

8. Jena (1790-1800)

 

Im Mai des Revolutionsjahres 1789 siedelt er nach Jena über und hält dort seine viel bejubelte Antrittsvorlesung.
Im Januar 1790 ernennt der Herzog von Meiningen Schiller zum Hofrat.

Am 22. Februar heiratet er Charlotte von Lengefeld.

 

9. Nach Berlin (April/Mai 1804)

 

Die weiteste Reise, die Schiller in seinem Leben unternimmt, ist eine Reise nach Berlin. Es werden ihm verlockende Angebote gemacht, vor allem finanzieller Natur, die ihn bewegen sollen, in Berlin zu bleiben. Er erwägt auch kurzzeitig einen Umzug, jedoch wirklich nur kurzzeitig. Denn er vermisst bereits die vertraute Enge Weimars und vor allem die Nähe seines Freundes Goethe.

 

10. Rückkehr nach Weimar (1800-1805)

 

Ende September 1799 zieht Schiller mit seiner Familie zurück nach Weimar in die Windischengasse. Seine schweren Erkrankungen nehmen zu, so ist er Anfang des Jahres 1800 erneut sehr lang und schwer krank.
Am 14. Juni wird "Maria Stuart" zum ersten Mal in Weimar gegeben.
Im Spätherbst des Jahres 1801 besucht er seinen Freund Körner in Dresden.
Am 11. September wohnt er in Leipzig der Uraufführung seiner "Jungfrau von Orléans" bei.
Im März 1802 kauft Schiller das Haus an der Esplanade und am 29. April zieht die Familie ein.
1802 ist auch das Jahr, in dem Schiller das kaiserliche Adelsdiplom erhält. Ab jetzt ist er ein ‚von’ Schiller.
Am 19. März 1803 erlebt Schiller die Uraufführung des Stücks "Die Braut von Messina" in Weimar.
Am 17. März wird dann der "Wilhelm Tell" erstmalig in Weimar aufgeführt.
Im Juni gewährt der Herzog Carl August Schiller eine Gehaltsverdopplung auf 800 Taler jährlich, dies geschieht als Reaktion auf die Angebote, die Schiller aus Berlin gemacht werden. Schiller entscheidet sich dann definitiv dazu, in Weimar zu bleiben.

Über sein Sterben am 9. Mai 1805 schreibt Caroline von Wolzogen in ihrer Biographie:

"Am sechsten abends fing er an, oft abgebrochen zu sprechen, doch nie besinnungslos. Am Abend des achten Tages hörte ich die letzten an mich gerichteten Worte:

"Immer besser, immer heitrer"

Am neunten früh trat Besinnungslosigkeit ein; er sprach nur unzusammenhängende Worte, meistens Latein."

Am Nachmittag des neunten Mai 1805 ist das Leben des Friedrich Schiller zuende. In einem Brief an eine Verwandte schreibt Charlotte dazu Folgendes:

"Er ist heiter von uns gegangen. Er muss unendlich gelitten haben und schweigend, so zeigte sichs. Sein Muth, mit dem Er das Leben ertrug, ist auch mir eine schöne Lehre für das meinige."


Am 11. Mai wird er beerdigt. Goethe ist durch Krankheit verhindert.

 

11. Epilog: Schillers Obduktion oder "Gebietet der Geist wirklich über den Körper?"

 

Was bleibt nun nach dem physischen Ende noch zu sagen? – Was kann nun am Ende dieses Vortrags als Resümee, wenn man denn Überhaupt ein solches bestrebt ist zu ziehen noch stehen? Ich finde, die Untersuchungsergebnisse der Leiche Schillers nach seiner Obduktion sind ebenso aussagekräftig über den Menschen Friedrich Schiller und seine innere Gesinnung, wie die Rezeption seiner Dramen und Gedichte auf die Bedeutung seiner Werke rückschließen lässt. 

Doktor Huschke, der Leibmedicus des Herzogs von Weimar kommt in seinem Obduktionsbefund zu folgenden Ergebnissen:

"Ich fand die Lunge brandig, breiartig und ganz desorganisiert, das Herz ohne Muskelsubstanz, die Gallenblase und die Milz unnatürlich vergrößert, die Nieren in ihrer Substanz aufgelöst und völlig verwachsen."

Und abschließend fügt er seinem Bericht den lapidaren aber doch bedeutenden Satz hinzu:

"Bei diesen Umständen muss man sich wundern, wie der arme Mann hat so lange leben können."

Schiller war zu seinen Lebzeiten der festen Überzeugung gewesen, dass es "der Geist sei, der sich seinen Körper baut". Safranski kommt daher zu der durch den Untersuchungsbericht begründeten Aussage: "Ihm war das offenbar gelungen. Sein schöpferischer Enthusiasmus hielt ihn am Leben, über das Verfallsdatum des Körpers hinaus."

Und Heinrich Voß, der Sterbebegleiter Schillers, vermerkte dazu in seinen Erinnerungen:

"Nur bei seinem unendlichen Geiste wird es erklärbar, wie er so lange leben konnte."

Safranski leitet aus diesen Berichten und Untersuchungsergebnissen die erste Definition von Schillers Idealismus ab:

"Idealismus ist, wenn man mit der Kraft der Begeisterung länger lebt, als es der Körper erlaubt. Es ist der Triumph eines erleuchteten, eines hellen Willens."

Doch dieser Wille war für Schiller das Organ der Freiheit, womit ich nun den Kreis schließen möchte und wieder zum Ausgangspunkt dieses Abends zurückkehre, der "Ode an die Freude".

Leonard Bernstein, der große amerikanische Komponist, Dirigent und Musikpädagoge, wagte es, auf dem Konzert zur deutschen Wiedervereinigung 1989, auf dessen Programm einzig und allein Beethovens neunte Symphonie stand, im Schlusschor "An die Freude" ein einziges Wort in Schillers Text zu ändern. Aber dieses Wort änderte damit das ganze Gedicht und seine Aussage. Er änderte das Wort "Freude" kurzerhand in "Freiheit" um, und aus "Freude schöner Götterfunken" wurde das kühne "Freiheit schöner Götterfunken". War das in Schillers Sinne? Hätte Beethoven dem zugestimmt? Ich denke, die beiden wären sogar begeistert gewesen. Wenn Sie also gleich diese Aula verlassen werden, nehmen Sie sich als Erinnerung und als wichtigste Lehre aus diesem Künstlerleben die Erkenntnis mit, dass der Geist den Körper beherrscht und über ihn gebietet. Ich denke, dass gibt Kraft und Hoffnung in dieser Zeit, in der wir leben und so will ich mich nun bescheiden. 

Schließen will ich mit dem Gedicht Goethes "Bei Betrachtung von Schillers Schädel", das der greise Dichter 1826, angesichts der Exhumierung und Umbettung der Gebeine Schillers verfasste, währenddessen sich Schillers angeblicher Schädel einige Tage in Goethes Besitz befunden haben solle:

Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute,
Wie Schädel Schädeln angeordnet passten;
Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih geklemmt, die sonst sich hassten,
Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,
Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten.
Entrenkte Schulterblätter! Was sie trugen,
Fragt niemand mehr, und zierlich tätge Glieder,
Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.
Ihr Müden also lagt vergebens nieder,
Nicht Ruh im Grabe ließ man euch, vertrieben
Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder,
Und niemand kann die dürre Schale lieben,
Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.
Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,
Die heilgen Sinn nicht jedem offenbarte,
Als ich inmitten solcher starren Menge
Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte,
Dass in des Raumes Moderkält und Enge
Ich frei und wärmefühlend mich erquickte,
Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.
Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!
Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!
Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,
Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.
Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten,
Dich höchsten Schatz aus Moder fromm entwendend
Und in die freie Luft, zu freiem Sinnen,
Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als dass sich Gott-Natur ihm offenbare?
Wie sich das Feste lässt zu Geist verrinnen,
Wie sich das Geisterzeugte fest bewahre.