Vielseitig, verbindend, europäisch - eben umfassend mozärtlich

Reflexionen zu Leben und Werk des Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)



1. April 2006

Zum 250. Geburtstag Wolfgang Amadeus Mozarts

 

Inhalt

  1. Prolog: Der umfassendste Musiker seiner Zeit
  2. Als Wunderkind im 18. Jahrhundert …
  3. Vom Reisen im 18. Jahrhundert – Mozarts Konzerttourneen
  4. Der erste freischaffende Künstler seiner Zeit
  5. Nach Wien "getreten" – Das Genie und die Familie
  6. Epilog: "Ich habe ia schon den Todten scheschmack auf der Zunge"

1. Prolog: Der umfassende Musiker seiner Zeit

 

Happy Birthday, Wolfgangerl! Herzlichen Glückwunsch, lieber Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus (griech. für Gottlieb) Mozart! In diesem Jahr feiertest du immerhin deinen 250. Geburtstag! – 

Aber welch ein Name! Das lag dir ja so gar nicht, so einen langen Namen mit dir herumzutragen, auch wenn er so im Taufregister des Doms zu Salzburg steht. Also wurde abgekürzt. Erst fielen die beiden ersten Namen Joannes und Chrysostomus ganz weg, dann wurde der Name Theophilus (Gottlieb) zunächst in die italienische Form des Namens umgewandelt: „Amadeo“ (~1770); später dann in die französische Form: „Amadé“ (~1777); also Wolfgang Amadé Mozart. – Nomen est omen? Warst du, lieber Mozart, wirklich von Gott geliebt? – 

Es war der 27. Januar 1756, als du als 7. und letztes Kind von Vater Leopold und Mutter Anna in der Wohnung im dritten Stock der Getreidegasse 9 in Salzburg geboren wurdest. Dein Vater resümierte später folgendermaßen: „Ein Wunder, dass Gott in Salzburg hat lassen geboren werden.“

Du giltst heute als der umfassendste Musiker deiner Zeit. Umfassend in dreifachem Sinne, ganz wie es das Motto unseres heutigen Mozart-Abends vorgibt:

  • Umfassend im Sinne von vielseitig, denn es gibt wohl keine Gattung der Instrumental- oder Vokalmusik deiner Zeit, für die du nicht tätig warst.
  • Umfassend im Sinne von verbindend, denn du verbandest durch deine Kunst die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft. Deine Wurzeln lagen ganz klar in der europäischen Musik, die du vorgefunden hast, allerdings hast du deine Ketten gesprengt, dich frei gemacht von einengenden und hemmenden Regularien, hast eine neue Musiksprache gefunden und eine Musik geschaffen, die, dadurch, dass sie den Weg zu einer neuen modernen Musik wies, die damalige Welt erschreckte, beunruhigte und verstörte.
  • Umfassend aber auch im Sinne von europäisch, denn du kanntest die italienische, die französische, englische, deutsche, österreichische und tschechische Musik, benutztest ihre Charakteristika, ihre Stile in deinen Kompositionen und bereistest auch alle diese Länder schon in frühen Kinderjahren.

So war auch das eben gehörte Lied von Joachim Heinrich Campe, dass du vertont hast, ein gutes Beispiel dafür. Die "Abendempfindung" gehört der Gattung des Klavier- oder Kunstliedes an. Es verbindet zum einen das klassisch romantische Klavierlied eines Schubert oder Schumann mit dem alten Strophenlied des Barock und ausgehenden Mittelalters, es verbindet aber auch inhaltlich das jenseitige Leben nach dem Tod mit dem Diesseits, es spendet Trost und gibt Mut und Hoffnung. Musikalisch verbandest du damit die Koloratur gewohnten und verwöhnten Italiener mit den strengen Deutschen im Rahmen der auskomponierten Sonatenhauptsatzform.

 

Hören wir nun ein weiteres Beispiel für diese Gattung aus deiner Feder, nämlich "Das Veilchen", zu dem kein geringerer als Goethe die Textvorlage lieferte.

 

2. Als Wunderkind im 18. Jahrhundert ...

 

Man hatte es nicht leicht, als "Wunderkind", nicht wahr, lieber Wolferl? Und schon gar nicht, wenn man mitten ins 18. Jahrhundert hineingeboren worden war – wie du! – und wenn man es dann allen Recht machen musste, insbesondere dem eigenen Vater.

Er war Geiger und Vizekapellmeister der Salzburger Hofkapelle, der Herr Papa, und sein Dienstherr war der Fürsterzbischof Graf Colloredo, von dem noch zu reden sein wird; darüber hinaus war Leopold Mozart Musiklehrer und Verfasser einer berühmten Violinschule, also eines Lehrbuchs über das Geigenspiel. 

Von deinen sieben Geschwistern starben fünf sehr früh, es blieb dir eigentlich nur deine um fünf Jahre ältere Schwester Maria Anna, die du nur "Nannerl" genannt hast und die ein ähnliches Wunderkind war. Sie zeigte bereits sehr früh eine ungeheure Begabung fürs Klavier. Wenn sie übte, hörtest du ihr andächtig zu. Wenn sie fertig war mit üben, schlichst du dich leise ins Zimmer und suchtest dir "schöne Töne" auf der Klaviatur. Bald versuchtest du auch Melodien nachzuspielen, die du von ihr kanntest. Du warst zu dem Zeitpunkt drei Jahre alt ... -

Ein Jahr später begann dein Vater, nach langem Bitten und Betteln, dir – dem Vierjährigen! – Klavierunterricht zu erteilen. Doch wer Klavierspielen kann, der kann auch sonst noch was lernen, dachte sich dein Vater wohl. Zum Klavier kam die Geige und du bekamst zusätzlich Unterricht in Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion.

Ganz versessen warst du auf Zahlen, aber deine wahre Leidenschaft, die Musik, die dir ja letztendlich so viele Leiden geschaffen hat, brachte dir dann den eigentlichen Ruhm ein. Mit vier Jahren komponiertest du bereits deine ersten Klavierstücke und stolz schrieb dein Vater an den Rand: "Des Wolfgangerls Compositiones, in den ersten drei Monaten nach seinem vierten Jahr!" –

Die nächsten beiden Stücke, die sie nun hören werden, stammen aus der 1786 entstandenen Opern "Die Hochzeit des Figaro", jener Liebesverwechselungskomödie, die dem Wiener Hof und allen Adeligen der damaligen Zeit ein ziemlicher Dorn im Auge war. Die Figaro-Trilogie! Das waren drei inhaltlich zusammenhängende Stücke des Franzosen Pierre Augustin Caron de Beaumarchais (1732-1799), den man den "Sturmvogel der Revolution" nannte. Es war kurz vor der französischen Revolution, der Adel verschloss sich dem Elend der Menschen, die ihrem Unmut über den faulen 1. und 2. Stand langsam aber sich laut Luft machten. Die Verurteilungen schreckten niemanden mehr. Man bewaffnete sich! Die Schriftsteller, Wortführer predigten den Aufstand. Figaro ist ein Diener, ein Barbier, ein Friseur, der wie bereits im vorhin gehörten Duett dargestellt, seine Braut Susanna in der Hochzeitsnacht auf keinen Fall dem alten ius primae noctis – dem Recht der ersten Nacht ausliefern möchte. Graf Almaviva hat zwar versprochen, dieses Recht nicht in Anspruch zu nehmen, würde es aber in Susannas Fall gern wieder aufleben lassen. Deswegen verhält sich Figaro aufrührerisch und ungebührlich, als er den Graf frech herausfordert: "Will der Herr Graf den Tanz mit mir wagen? Die Gitarre spiel ich ihm auf dazu! Will er zu mir in die Schule kommen? Ich will ihn lehren, die Sprünge!" –

 

Zuvor hören wir aber noch, wie Susanna Cherubino, den Pagen des Grafen, scheinbar zu recht macht, damit er weiterhin von der Frauenwelt geliebt wird ... "Kommt, kniet nieder! Bleibt schön, so, wie ihr seid!" Abschließend wird sie mit geradezu salomonischer Weisheit feststellen: "Wenn ihn die Frauen lieben, haben sie gewiss ihre Gründe!"

 

3. Vom Reisen im 18. Jahrhundert - Mozarts Konzerttourneen

 

Deine Lebenszeit, lieber Wolfgang, betrug knappe 36 Jahre. Ganz genau waren das 13.079 Tage. Unterwegs warst du von dieser Zeitspanne genau 3.720 Tage, also zehn Jahre, zwei Monate und acht Tage. Und wo überall warst du? –

1762 beginnt Vater Mozart, mit euch, seinen beiden Wunderkindern, zu reisen, euch, wie er meinte, "der Welt vorzustellen!" – Die damalige Welt, das waren in erster Linie die Fürstenhäuser und Königsresidenzen der europäischen Adeligen. Denn dort spielte sich das wichtige, (politisch) einflussreiche Leben ab. Die erste Reise führte nach München und Wien; eine lange Reihe von Gastspielen mit öffentlichen Auftritten und Konzerten vor hochgestellten und reichen Persönlichkeiten, die ihren vorläufigen Höhepunkt am Kaiserhof in Wien findet. Dort bist du, wie die Legende berichtet, der Kaiserin Maria Theresia auf den Schoß gehüpft und hast sie geküsst. Und die Schwester Josephs II. Marie-Antoinette wolltest du sogar heiraten! – Ja, ein unschuldiger Sonnenschein warst du, aufgeweckt, neugierig und Klavierspielen konntest du wie ein Gott.

1763 fährst du mit deiner Familie über München, Augsburg, Ludwigsburg, Schwetzingen, Heidelberg, Mainz, Frankfurt, Koblenz, Köln, Aachen und Brüssel nach Paris. Überall geben du und das Nannerl umjubelte Konzerte.

Zwischen 1764 und 1778 tourst du weiterhin durch zahlreiche Städte und Höfe in England, Holland, der Schweiz, Italien und Österreich. In England triffst du auf Johann Christian Bach, den jüngsten Sohn des berühmten Johann Sebastian Bach, der dort als Musikmeister der Königin bestellt ist. In Gesprächen lernst du viel über das Kompositionshandwerk.

Du komponiertest währenddessen viele Werke und zwischendurch musstest du auch immer wieder zurückkehren an den Salzburger Hof um beim Fürsterzbischof Hieronymus Graf von Colloredo deinen Dienst zu versehen, denn zwischenzeitlich warst du dort – mit 13 Jahren – als fest bezahlter 3. Konzertmeister in der Hofkapelle angestellt worden.

Und wie reistest du? – Wie reiste ein Superstar des 18. Jahrhunderts? – Nun, in der Regel mit einer Kutsche, oftmals der Postkutsche, die meist nur unzureichend gefedert war und in der du auf harten Holzbänken sitzen musstest und jede Bodenerhebung und Vertiefung schmerzhaft zu spüren bekamst, und das oft tagelang. Und so kam, was kommen musste. Du wurdest krank, richtig krank. Es waren meistens hohe Fieberschübe mit bis zu vierzig Grad Celsius. Oftmals stand dein Leben auf des Messers Schneide. Dein Vater bilanzierte deine Krankheit einmal folgendermaßen: "Ein Minus von immerhin 50 Dukaten!" –

Die beiden nächsten Stücke stammen wieder aus der "Hochzeit des Figaro". "Il capro e la capretta" – "Die Ziege und der Ziegenbock" ist eine musikalische Fabel im klassischen Sinne Äsops … Marcellina bedient sich dieser Form, um das oft schwierige Verhältnis zwischen Männern und Frauen dazustellen:

"Der Ziegenbock und die Ziege leben stets in Freundschaft;
das Lamm und sein Lämmchen bekämpfen sich niemals.
Die wildesten Tiere in Wäldern und Feldern
lassen ihren Gefährtinnen Frieden und und Freiheit.
Nur uns arme Frauen, die wir diese Männer so lieben,
behandeln die Treulosen immer auf grausame Art."

 

Anschließend klärt Figaro mit einem Augenzwinkern Cherubino über die Vorzüge des glorreichen Militärs und des Soldatentums auf, und was ihn ihm Gegenzug bei den Frauen erwarten würde, die ihn so sehr lieben. Beendet wird diese Arie mit einem fulminanten Militärmarsch nach dem wir uns erlauben, eine Pause von zehn Minuten einzulegen. In diesem Sinne viel Vergnügen und auf ein Wiedersehen nach der Pause.

 

4. Der erste freischaffende Künstler seiner Zeit

 

"Zu allen Zeiten ist man auch nicht aufgelegt zu arbeiten. hinschmieren könnte ich freylich den ganzen tag fort; aber so eine sach kommt in die Welt hinaus, und da will ich halt daß ich mich nicht schämen darf, wenn mein Namm drauf steht."

Lieber Mozart, diese Äußerung in deinem Brief vom 14.02.1778 macht dich sympathisch, lässt dich doch wenigstens menschlich erscheinen. Nicht so abgehoben und unnahbar, wie man das sonst von einem Künstler erwartet, was einen wiederum zu der Aussage verleiten könnte, warum man Mozart heute noch kenne solle: Ein Musiker, noch dazu einer, der vor zweihundert Jahren gelebt hat. Der könnte einem doch egal sein, zumindest, wenn er unnahbar und wenig menschlich daher kommen würde. 

Das tust du aber nicht! Dein Schicksal wurde den Menschen in aller Welt bekannt, alle, die sich mit dir beschäftigt haben, haben dir alles andere, nur keine Starallüren nachgesagt.

Doch was sollst du komponieren und wie sollst du schreiben? – 

Man sollte meinen, ein solch genialer Musiker wie du könnte schreiben, was er will. Weit gefehlt … 

Der Vater macht Vorschriften: "Nur kurz – leicht – popular soll deine Musik sein, wenn man nur Beyfall findet und gut bezahlt wird; das übrige hohle der Plunder."

Die Musikverleger verhalten sich ebenso zurückhaltend. Einer rät dir: "Schreib popularer, sonst kann ich nichts mehr von Dir drucken und bezahlen."

Tatsächlich sind nur etwa ein Viertel deiner Kompositionen zu deinen Lebzeiten erschienen. Musik unterlag eben genauso wie heute noch der Mode und dem Geschmack der Massen, was Robert Schumann ein halbes Jahrhundert später zu der Aussage verleitete, es ginge ihm mehr um den Dank der wahren Künstler als um die Achtung des Pöbels.

Du du, lieber Wolfgangerl, widersetztest dich all diesen Ratschlägen. Du sagtest damals: "Ich verliere alle Freude am Musizieren, wenn ich vor Menschen spiele, die nichts verstehen oder verstehen wollen, oder die mit mir nicht empfinden, was ich spiele."

Dennoch wolltest du nicht nur einen kleinen Kreis von Fachleuten sondern auch das breite Publikum erreichen. Du bemühtest dich um die Verbindung von Einfachem und Anspruchsvollem. Der Erfolg deiner Klavierkonzerte schien dir Recht zu geben. Diesen Erfolg formuliertest du dann 1782 so:

"die Conzerte sind eben das Mittelding zwischen zu schwer und zu leicht – sind sehr Brilliant – angenehm in die ohren – Natürlich ohne in das Leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction (Genugtuung) erreichen – doch so – dass die nichtkenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen, warum."

Zunächst noch feierte dich die Wiener Musikwelt als Pianisten und Komponisten. Doch schon bald sollte dieser Erfolg langsam aber sicher verblassen. Dem Wiener Publikum wurde deine Musik zu schwierig. Einer deiner Kritiker schrieb dazu im Jahr 1789: "Mozart hat einen entschiedenen Hang für das Schwere und Ungewöhnliche…"
Deine finanzielle Situation wurde langsam aber sicher immer bedrückender. Du nahmst schließlich alle Kompositionsaufträge an, ja, du musstest sie annehmen. –

"La ci darem la mano – Reich mir die Hand mein Leben", so hat im vorhin gehörten Duett Don Giovanni Zerlina zu verführen versucht, und – schließlich hat der böse Frauenheld auch wieder gewonnen. Diese unsterblich gewordenen Melodie aus der 1787 in Prag uraufgeführten Oper "Don Giovanni" zeigt jene wunderbare geniale Kraft Mozarts, tiefe schwere Charaktereigenschaften und seelische Vorgänge in scheinbar einfache, schlichte musikalische Form zu bringen. 

 

Es folgt nun Zerlinas Liebeslied für Masetto aus derselben Oper: "Vedrai carino – Du wirst sehen, mein Lieber" – Das schlichte Anfangsmotiv erinnert ein wenig an das deutsche Volkslied "Wenn ich ein Vöglein wär’" und irgendwie ähneln sich beide – Lied und Arie auch von der Symbolik ihrer Inhalte. Einfachste und schönste Herzenssprache aus der genialischen Feder Mozarts.

 

5. Nach Wien getreten - Das Genie und die Familie

 

1781 wirst du mit einem Fußtritt des Grafen Arco aus dem Dienst des Erzbischofs von Salzburg entlassen. Es zieht dich nach Wien, dort heiratest du Constanze Weber und verbringst, von einigen Abstechern in die tschechische Hauptstadt Prag, die goldene Stadt an der Moldau, dein restliches Leben dort. Du komponierst fleißig, gibst Konzerte und musst zu Lebzeiten mit ansehen, wie dein Stern langsam vom Himmel fällt und unten verglüht. Du hinterlässt neben zwanzig großen und kleineren Bühnenwerken 47 Sinfonien, 30 Klavierkonzerte, 20 Klaviersonaten, 33 Sonaten für Klavier und Violine, 17 Kirchensonaten, 23 Streichquartette, sowie eine Vielzahl kleinerer Kompositionen und ein unfertiges Requiem. 

Mit dem weltberühmten Lied "Der Vogelfänger bin ich ja" dass Papageno, dieser lustige Mensch aus der Zauberflöte singt, haben wir bereits den mit Abstand größten Opernerfolg Mozarts eingeleitet. "Die Zauberflöte" wurde nicht für den Wiener Adel oder entsprechend gut situierte und pekuniäre Kreise geschrieben, sondern für das einfache Volk. Das Textbuch stammt von Emmanuel Schikaneder, einem Schauspieler, mit dem Mozart gut befreundet war.

Aus dieser Oper folgen nun drei weitere Highlights.

Zunächst das Duett "Bei Männern welche Liebe fühlen", in dem Pamina und Papageno über den Wert und die Werte der Liebe zwischen Mann und Frau nachdenken.

Sodann der verzweifelte Schrei Paminas nach dem Geliebten, der in unerreichbare Ferne gerückt zu sein scheint. "Ach, ich fühl’s, es ist entschwunden …", auf die das berühmte Shakespeare-Wort passt: "Abschied ist solch bittersüßer Schmerz!"

 

Als Drittes dann Papagenos frommer Wunsch nach einer passenden Frau, die in der heutigen Zeit wohl als wahrscheinlichste Identifikation des modernen Mannes mit der Beziehungsrealität seine Lebens generiert: "Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich" –

 

6. Epilog: "Ich habe ia schon den Todten scheschmack auf der Zunge"

 

Und nun das Ende? – Oder vielleicht doch erst der Anfang von allem Ruhm und aller Kunst? – Über deine letzten Stunden hat deine Schwägerin Sophie Haibl berichtet. Hast du dein Ende nahen gefühlt? – hast du schmerzlich bemerkt, wie sich dein Befinden fortschreitend verschlechterte? –

"Ich habe ia schon den Todten scheschmack auf der Zunge", sollst du gesagt haben. Aber ist es wirklich wichtig, ob du das überhaupt gesagt hast? – 

Constanze hat einen Geistlichen gerufen. Warum hat sich dieser so lange und vehement geweigert, zu kommen? – Auch der Arzt, der gerufen wurde, konnte nicht wirklich mehr etwas für dich tun ... Kalte Umschläge, dass Allheilmittel bei fiebernden Patienten der damaligen Zeit. Lag es daran, dass dieser Arzt im Theater erst das Ende der Vorstellung abwarten musste, bis er kommen konnte? – 

Eine tiefe Bewusstlosigkeit hat dich in ihre Arme genommen und nicht mehr losgelassen. Ein Ausruhen von all den Strapazen deines Künstlerlebens, in das du gerade erst gestolpert warst? – Waren es die Nachwirkungen der hohen körperlichen Anstrengungen in frühester Jugend? – Hatte, wie Peter Shaffer es vermutet hat, wirklich dein großer Konkurrent Antonio Salieri seine Hände im Spiel? – 

All diese Fragen und weitere, hier nicht genannte Theorien bleiben Spekulation. Am 06. Dezember 1791 um fünf Minuten vor ein Uhr war dann alles vorbei. Du warst erlöst, nach 35 Lebensjahren, dem ird’schen Jammertal enthoben. –

Deine letzte Ruhestätte wurde ein einfaches Reihengrab, ein Massengrab auf dem Friedhof von St. Marx, einem Vorort Wiens. Die genaue Lage Deines Grabes ist nicht bekannt. Constanze nimmt an der Beisetzung aufgrund eines Schwächeanfalls nicht teil. Zu den wenigen Menschen, die dir das letzte Geleit geben, zählen unter anderem Antonio Salieri, Emmanuel Schikaneder und der Hausdiener der Wirtschaft "Zur Silbernen Schlange". Noch bevor die kleine Prozession den Friedhof erreicht, kehren die Mitgehenden wegen eines plötzlich einsetzenden Schnee- und Hagelschauers um. Dein einfacher Fichtensarg wird ohne jede Zeremonie in eines der für die Armen der Stadt vorgesehenen Sammelgräber gesenkt. Als Constanze, die zwischenzeitlich wieder verheiratet ist, den Friedhof später besucht, ist die Grabstätte nicht mehr aufzufinden. – 

Doch so traurig wollen wir heute, 250 Jahre später, nicht enden. Beschließen wir unseren Abend fröhlich und charmant mit dem berühmten Duett, in dem Papageno endlich, nach langem Bangen und Zittern ‚seine’ Papagena findet und mit ihr glücklich werden kann. 

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend und einen guten Nachhauseweg.