Warum wir so ein Theater machen

Zur „theatralischen Sendung“ der Schule

 

- in memoriam Anna Luise Benner -

 

"In bunten Bildern wenig Klarheit,

Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,

So wird der beste Trank gebraut,

Der alle Welt erquickt und auferbaut."

(Goethe, Faust I, Z. 170-173)

 

Das Spiel ist ein elementares Lebensbedürfnis des Menschen; es gehört zu seinem Menschsein, solange er lebt. Und dieses Bedürfnis unterliegt in seiner Bedeutung und Form im Lauf der Entwicklung eines Menschen natürlich einem gewissen Wandel. Das Rollenspiel des Kindes dient der nachahmenden Aneignung der Welt – das Kind kann handeln, ausprobieren, eben agieren, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, und richtet sich dabei die Welt ganz nach seinen Bedürfnissen ein. Konflikte werden spielerisch benannt, ausgelebt und bereinigt, das heißt im Rollenspiel erfährt die Welt eine Veränderung.

 

Das Theater ist daher eine konsequente Weiterentwicklung des Rollenspiels in einer besonderen sprachlich fixierten Form. Bertolt Brecht formulierte diesen Sachverhalt einmal so: "Es sind theatralische Vorgänge, die da die Charaktere bilden. Der Mensch kopiert Gesten, Mimik, Tonfälle. Und das Weinen entsteht durch Trauer, aber es entsteht auch Trauer durch das Weinen. (…) Wer das überlegt, wird die Bedeutung des Theaterspielens für die Bildung der Charaktere begreifen."

 

Im Klartext gesprochen bedeutet dies, dass Kinder und Jugendliche zum Heranreifen Theater brauchen; und was für den rein rezeptiven Aspekt von Theater Gültigkeit hat – eben das Kindertheater von Erwachsenen für Kinder – gilt in verstärktem Maße, wie alles, was selbst erfahren wird, für das Schülertheater, das heißt das künstlerische Spiel jugendlicher Laiendarsteller primär für ihre Altersgenossen und Eltern. Einmal im Leben im Rampenlicht stehen, sich einmal öffentlich im Erfolg sonnen, ist mit Sicherheit bei vielen die Motivation, die sie durch unzählige Seiten Text treibt. Ein – isoliert betrachtet – sehr vordergründiger und fragwürdiger Beweggrund.

 

Nun ist Theater aber neben der Charakterbildung auch ein ausgeprägt ästhetisches Phänomen, und diesem Umstand gilt es im Schülertheater unbedingt Rechnung zu tragen, damit es nicht nur als höflicher Achtungserfolg bei Mitschülern und Lehrern oder als sentimentaler Rühreffekt bei Eltern zur Kenntnis genommen wird, sondern auch vor kritischen Augen Bestand haben kann. Daraus resultiert die Berücksichtigung von verschiedenen äußeren Bedingungen von Schülerlaienspiel durch die Regie von vornherein. So gehört beispielsweise das Gelächter wesenhaft zum Schülertheater. Jugendliche lachen, wenn sie ihre Mitschüler – und das sind häufig ganz bestimmte, auf eine Rolle im Klassenverband festgelegte Mitschüler – auf der Bühne sehen. Die Kunst der Regie besteht dann darin, dieses Lachen einzukalkulieren und zu kanalisieren.

 

Die beginnt bei der Textauswahl. Bestimmte Stücke verbieten sich einfach von selbst vor dem Hintergrund des mit Sicherheit einsetzenden vielkehligen jugendlich-homerischen Gelächters. Anderseits sollte ein Stück, mit dem sich Heranwachsende Wochen und Monate auf so intensive Art und Weise beschäftigen, die geistige Auseinandersetzung auch lohnen. Das Fazit hieraus lautet: Geistiger Anspruch mit heiteren oder ironisch-spöttischen Elementen – das eröffnet Möglichkeiten von Aristophanes über Shakespeare, Goethe, Brecht bis hin zu zeitgenössischen Drama wie etwa Peter Weiss, Tankred Dorst oder Wolfgang Hildesheimer – für Publikum und Mitwirkende ein buntes Panoptikum lebendiger Theater- und Geistesgeschichte durch Länder und Jahrtausende bis hin in unsere unmittelbare Gegenwart.

 

Ein weiterer Aspekt soll hier nicht unerwähnt bleiben. Theater zu spielen ist für den einzelnen Schüler eine große Herausforderung und kann in krisenhaften Entwicklungsphasen nahezu therapeutische Funktion gewinnen: So reizvoll es einerseits ist, einmal in eine gänzlich andere Rolle zu schlüpfen, seine Persönlichkeit zu wandeln, so ungeheure Überwindung kann es andererseits kosten, so befreiend aber im Endeffekt auch sein, völlig aus sich herauszugehen, Leidenschaften oder gar Leiden auszuleben und offen zu zeigen – und das vor einem möglicherweise zahlreichen Publikum, vor Freunden, Eltern und auch gänzlich Fremden. Gerade dieser Aspekt verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass jede(r) interessierte Schüler(in) die Chance bekommt, mitzuwirken und auch die etwas Schwächeren müssen von Stück und Truppe ohne gravierenden Niveauverlust verkraftet werden.

 

Gelingt es dann noch – und dies ist eine der vordringlichsten Aufgaben von Schülertheater – Einsicht in die Wichtigkeit auch des allerkleinsten Parts zu erreichen und aufkommendem Starkult erfolgreich entgegenzuwirken, dann kann Theater an der Schule eine ausgeprägt soziointegrative Funktion erfüllen.

 

Nun sind Schüler als Laiendarsteller professionellen Schauspielern natürlich in vielerlei Hinsicht meilenweit unterlegen. Die Kunst der Regie besteht folgerichtig darin, die Schwerpunkte in der Theaterarbeit auf die Bereiche zu legen, wo Jugendliche gleichwertig oder gar überlegen erscheinen, wie zum Beispiel die allgemeine Begeisterungsfähigkeit, Sportlichkeit, Unverbildetheit, Anmut, usw.

 

Dabei zeigt sich immer wieder, dass Schülerinnen und Schüler die vielfältigsten, bisher häufig im Verborgenen blühenden Talente besitzen, den ausgefallensten Hobbys nachgehen, sei es im Bereich der Musik, der Bildenden Kunst, der Technik und der neuen Medien. Schülertheater bewährt sich dann, wenn es gelingt, diese Talente zu wecken, zu ermuntern und zu einem kreativen kooperativen Gesamten zu verschmelzen. Jeder Schüler sollte seinen Stärken nach gefördert, eingesetzt und mit entsprechenden Aufgaben betraut werden.

 

Im Idealfall wird vom Bühnenbild über Komposition und Realisierung musikalischer Einlagen, Choreographie, Kostüm bis hin zur Maske alles selbst erarbeitet, und es entsteht ein anspruchsvolles, farbiges Theater, belebt von musikalisch-tänzerischen Elementen mit stark ausgeprägtem dekorativen Charakter.

 

Schülertheater kann so zu einer im eigentlichen Wortsinn spektakulären Form fächerübergreifender kreativer Projektarbeit und – was noch wichtiger ist – zum sinnenfrohen Genuss für den Zuschauer werden. Dabei muss man bedenken: Schülertheater läutert nicht; ob es andererseits genügend Anstoß gibt, "schwer ertragbare Zustände unserer Welt, und zwar solche wie Hunger, Kälte oder Bedrückung (…) zu beseitigen," wie es dem großen Bertolt Brecht vorschwebte, muss angesichts des beklagenswerten Zustands unserer unverdrossen Theater spielenden Welt ebenfalls bezweifelt werden.

 

Last but not least macht Theater einfach Spaß, ja, es macht sogar ungeheuer viel Spaß, einem Spaß zwar, der für alle Beteiligten mit einem außergewöhnlich hohen Arbeitsaufwand gepaart ist, der aber auch, wenn alles durchgestanden ist, mit Zufriedenheit und Gewissheit belohnt wird, gegen sich selbst einen entscheidenden Sieg errungen zu haben. Und wer weiß, vielleicht strömt dann doch vereinzelt das von Friedrich Schiller idealisierte Licht der Weisheit von der Schulbühne herunter und lichtet den Nebel der Barbarei, auf dass dann die Nacht der Unzulänglichkeit dem Licht der Kultur ein klitzekleines bisschen weicht.

 

 

(Der Text lehnt sich inhaltlich an den Artikel "Mons Tabors 'theatralische Sendung'" von Anna Luise Benner in der Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Mons-Tabor-Gymnasiums Montabaur 1993, o.A., o. J., S. 128-132 an)

 

(c) by Peter Wayand